Wer die Externsteine im Teutoburger Wald zum ersten Mal sieht, versteht sofort, warum sie seit Jahrhunderten die Fantasie anregen: Die steilen Sandsteinfelsen ragen wie Kathedralen aus der Landschaft, geheimnisvolle Treppen führen hinauf, Grotten und Reliefs sind in den Stein gehauen. Kein Wunder also, dass viele Besucher in ihnen ein uraltes Heiligtum der Germanen sehen wollen – vielleicht sogar die Stätte der legendären Irminsul.

Doch was sagt die Archäologie? Gibt es tatsächlich Spuren vorchristlicher Kulte?

Die Suche nach dem „Heiligtum“

Schon im 19. Jahrhundert begannen Forscher und Romantiker, die Externsteine mit den Mythen der Germanen in Verbindung zu bringen. Die Felsen schienen zu perfekt geformt, zu geheimnisvoll, um nicht eine tiefere Bedeutung zu haben.

In den 1930er-Jahren wollte man es genau wissen: 1934/35 leitete Julius Andree Grabungen im Auftrag der eigens gegründeten „Externsteine-Stiftung“. Das Ziel war klar – man wollte die germanische Kultstätte finden.

Das Ergebnis war ernüchternd: Zwar kamen mittelalterliche und frühneuzeitliche Funde zutage, auch einige Steinwerkzeuge aus der Altsteinzeit. Aber kein Hinweis auf eine Kultstätte aus der Eisenzeit oder germanischen Vorzeit. Trotzdem wurden die Ergebnisse in der Zeit des Nationalsozialismus ideologisch überhöht und als Beleg für ein „germanisches Heiligtum“ ausgegeben.

Moderne Forschung: Die Grotten erzählen eine andere Geschichte

Mit modernen Methoden wie Lumineszenzdatierung ließ sich die Entstehungszeit der Grotten neu bestimmen. Dabei zeigte sich, dass die älteste der untersuchten Höhlen, die sogenannte Kuppelgrotte, um etwa 750 n. Chr. entstand. Damit gehören die Anlagen ins Frühmittelalter – und in eine christliche Tradition.

Auch die berühmten Reliefs und Treppen sind eindeutig mittelalterlich. Archäologische Spuren einer Nutzung in der Bronze- oder Eisenzeit fehlen bis heute vollständig.

Mythos und Wirklichkeit

Die Wissenschaft ist sich daher einig:

Menschen kamen schon in der Alt- und Mittelsteinzeit in die Gegend – belegt durch einige Steinwerkzeuge.

Eine intensive Nutzung ist aber erst ab dem frühen Mittelalter nachweisbar, als hier vermutlich eine Kapelle und christliche Kultanlagen entstanden.

Der Gedanke einer „vorchristlichen Kultstätte“ ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, verstärkt durch völkische Ideologie im 20. Jahrhundert.

Das macht die Externsteine nicht weniger faszinierend – im Gegenteil. Sie sind ein Spiegel dafür, wie stark Naturorte durch Projektionen, Sehnsüchte und Ideologien aufgeladen werden können.

Fazit

Die Externsteine sind kein gesichertes „germanisches Heiligtum“, sondern ein einzigartiges Naturdenkmal, das seit Jahrhunderten von Menschen gedeutet, überhöht und genutzt wird. Sie erzählen nicht nur von Sandstein und Geologie, sondern auch von unserer Kulturgeschichte: davon, wie wir Orte mit Bedeutung füllen – manchmal mehr, als die Funde hergeben.

Wer heute vor den Felsen steht, sieht also weniger ein Kultzentrum der Germanen, sondern vielmehr einen Ort, an dem sich Natur, mittelalterliche Frömmigkeit und moderne Mythen berühren.

Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass eine so auffällige Naturerscheinung für alle Kulturen eine Rolle gespielt hat und uns ja bis heute berührt und bewegt. Wer da wann was getan hat lässt sich aber nur archäologisch belegen und da sieht es so aus wie beschrieben.

Mit Energien aufgeladen ist der Ort seit Jahrhunderten – bis in die Neuzeit durch Rituale und menschliche Erwartungen aller Art.

Aber es ist war und ist kein „germanischer Kultort“, dafür müsste es Nachweise geben. Und die gibt es dort nicht, an anderen Orten sehr wohl, weshalb wir wissen, wie Kultorte in der Archäologie nachgewiesen werden können: Oberdorla, Fellbach-Schmieden, Groß Raden, Gellep, Pömmelte usw.

Quellen (Auswahl)

  • Julius Andree: Die Externsteine. Eine germanische Kultstätte (Grabungsbericht 1934–1935). Roland-Verlag, 1939.
  • Uta Halle: Die Externsteine sind bis auf weiteres germanisch! Prähistorische Archäologie im Dritten Reich. Münster 2001【idw-online.de】.
  • Archäologie Online: Dem Rätsel der „Externsteine“ auf der Spur (2004)【archaeologie-online.de】.
  • Archäologie Online: Felsgrotten in den Externsteinen neu datiert (2005)【archaeologie-online.de】.
  • Roland Linde: Die Externsteine – Ein Natur- und Kulturdenkmal im Spannungsfeld von Esoterik, Neuheidentum und Wissenschaft (2019)【academia.edu】.
  • Wissenschaft.de: Mythos Externsteine: Erfindung einer germanischen Kultstätte (2013)【wissenschaft.de】.