Verein für interreligiöse Bildung und Zusammenarbeit

Schlagwort: Heiden

Antipaganer Rassismus – Die unsichtbare Diskriminierung religiöser Vielfalt

Einleitung

Paganismus, also die Wiederbelebung oder Fortführung polytheistischer, naturreligiöser und spirituell-indigener Traditionen, ist in den letzten Jahrzehnten zu einer sichtbaren religiösen Strömung geworden. Menschen, die sich als Wicca, Druiden, Ásatrú, Hexen oder Schaman*innen verstehen, repräsentieren eine bunte, pluralistische und oft bewusst friedliche Form spiritueller Identität. Doch mit ihrer zunehmenden Sichtbarkeit geht eine ebenso wachsende gesellschaftliche Abwertung einher.

Wer offen heidnisch oder magisch lebt, wird in Medien, Behörden und im Alltagsdiskurs oft belächelt oder dämonisiert. Paganismus gilt vielen nicht als „echte Religion“, sondern als „Spinnerei“, „Fantasie“ oder sogar als gefährlich. Dahinter stehen keine bloßen Vorurteile, sondern ein komplexes System kultureller Abwertung, das strukturell mit anderen Formen religiöser Diskriminierung vergleichbar ist – insbesondere mit antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus.

Dieses Essay untersucht den antipaganen Rassismus als ein kaum benanntes, aber wirkmächtiges Phänomen moderner Gesellschaften: als Mechanismus, der das Religiöse selbst hierarchisiert und polytheistische oder naturbezogene Glaubensformen systematisch abwertet.


1. Rassifizierung des Religiösen

In der neueren Rassismusforschung wird zunehmend betont, dass Rassismus nicht nur biologisch, sondern auch kulturell funktioniert. Menschen werden nicht aufgrund von Hautfarbe, sondern aufgrund von Sprache, Kleidung, Religion oder Lebensweise als „anders“ markiert. Diese „Kulturalisierung des Rassismus“ (Shooman 2014; Attia 2019) trifft auch Religionen, deren Praktiken nicht in das kulturelle Selbstverständnis der Mehrheitsgesellschaft passen.

Der Begriff antipaganer Rassismus bezeichnet die Abwertung paganer oder polytheistischer Gruppen aufgrund solcher Markierungen. Er entsteht in einem Spannungsfeld zwischen christlicher Tradition, aufklärerischem Rationalismus und popkulturellen Verzerrungen.
In ihm verschmelzen alte kirchliche Dämonologien mit modernen Vorstellungen von Rationalität und „Normalität“. Wer außerhalb des Monotheismus glaubt, gilt schnell als irrational, kindisch oder gefährlich.


2. Historische Wurzeln der Abwertung

Die Wurzeln des antipaganen Rassismus liegen tief in der europäischen Geistesgeschichte.
Als sich das frühe Christentum im Römischen Reich ausbreitete, wurde der Begriff paganus – ursprünglich „Dorfbewohner“ – zum Synonym für Ungläubige, Rückständige und Gottlose.
Mit dieser sprachlichen Verschiebung begann eine lange Geschichte der religiösen Fremdmarkierung, in der „Heiden“ als moralisch unrein, körperlich exzessiv oder dämonisch konstruiert wurden.

Im Mittelalter verschmolzen die Begriffe Hexe, Zauberer und Heide zunehmend miteinander.
Der Übergang vom „falschen Glauben“ zur „diabolischen Verschwörung“ war fließend. Die theologische Konstruktion des „Satanischen“ wurde zu einem Instrument, um spirituelle Praktiken außerhalb des kirchlichen Rahmens zu kriminalisieren.

Diese Sichtweise überdauerte selbst die Aufklärung.
Obwohl Religion im 18. und 19. Jahrhundert zunehmend privatisiert und rationalisiert wurde, blieb die Vorstellung bestehen, magische oder naturreligiöse Praktiken seien ein Rückfall in voraufgeklärte Zeiten. Das Christliche wurde zum Maßstab für Religion, das Heidnische zum Gegenbild: irrational, weiblich, triebhaft, gefährlich.


3. Moderne Erscheinungsformen

Heute wirkt dieser Diskurs fort – in subtiler, säkularisierter Form.
Antipaganer Rassismus zeigt sich in verschiedenen Ebenen des gesellschaftlichen Diskurses:

a) Diskursive Ebene:
In Medienberichten werden pagane Gruppen häufig als „skurril“, „exotisch“ oder „pseudo-religiös“ dargestellt. Religiöse Rituale werden als Spiel, Folklore oder psychisches Problem abgetan. Diese Darstellungsweise erinnert an koloniale Muster: Nicht-westliche Religionen wurden ebenfalls als „primitive Kulte“ bezeichnet – Ausdruck kultureller Überlegenheit.

b) Kulturelle Ebene:
Populärkultur und Unterhaltungsindustrie reproduzieren seit Jahrzehnten ein negatives Bild des Paganen. Filme, Serien oder Bücher verbinden heidnische Symbolik mit Hexenkult, Blutopfern oder satanischer Bedrohung. Dabei werden die Kategorien „heidnisch“ und „okkult“ vermischt – eine direkte Erbschaft christlicher Dämonologie.

c) Institutionelle Ebene:
Viele pagane Gemeinschaften kämpfen bis heute um rechtliche Anerkennung als Religionsgemeinschaften. In Deutschland sind sie meist als Vereine organisiert, nicht als Körperschaften des öffentlichen Rechts – ein struktureller Ausdruck mangelnder Gleichbehandlung.

d) Gesellschaftliche Ebene:
In interreligiösen Kontexten werden pagane Stimmen häufig ausgeschlossen oder nur als „spirituelle Bewegung“ geduldet. Der Begriff „Religion“ bleibt hier faktisch monotheistisch definiert.


4. Vergleich: Parallelen zu antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus

Antipaganer Rassismus folgt – trotz anderer Zielrichtung – ähnlichen Mechanismen wie andere Formen religiöser Diskriminierung:

Ebeneantisemitischantimuslimischantipagan
Konstruktion„Die Juden sind fremd, gefährlich, zersetzend“„Die Muslime sind rückständig, gewalttätig“„Die Heiden sind irrational, gefährlich, okkult“
ErzählstrukturVerschwörung, Macht, GeheimnisBedrohung, Invasion, KontrolleHexerei, Satanismus, Wahnsinn
Soziale FunktionStärkung christlicher IdentitätVerteidigung nationaler KulturStabilisierung säkular-christlicher Normen
Legitimationsfigur„Wir verteidigen Wahrheit“„Wir schützen die Freiheit“„Wir bewahren Vernunft und Ordnung“

Wie im Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus dienen die Abwertungen nicht nur der Herabsetzung anderer, sondern auch der Selbstdefinition der Mehrheit.
Der „Heide“ ist nicht einfach der Andere – er ist das religiöse Gegenbild, das gebraucht wird, um das eigene Weltbild zu stabilisieren.


5. Typische Narrative des antipaganen Diskurses

Antipaganer Rassismus funktioniert über wiederkehrende rhetorische Muster. Einige der zentralen Narrative sind:

„Das sind keine echten Religionen.“
Hier zeigt sich das Machtmonopol des Monotheismus. „Echt“ ist nur, was Schrift, Prophet und Kirche hat. Polytheismus, Rituale, Mystik oder Magie gelten als unvernünftig oder kindlich – ein direkter Reflex kolonialer und christlicher Deutungsmuster.

„Die sind doch alle rechts.“
Das Narrativ der politischen Kontamination: Einzelne rechtsextreme Strömungen werden auf den gesamten Paganismus projiziert. Dadurch wird die Religion selbst verdächtig – unabhängig von ihrer inhaltlichen Vielfalt oder linken, feministischen und queeren Ausprägungen.

„Die spielen das nur.“ / „Selbsternannt.“
Religiöse Selbstdefinition wird nicht akzeptiert. Paganismus wird als Rollenspiel oder psychisches Bedürfnis abgetan.
Hier wirkt ein paternalistischer Diskurs: Nur „anerkannte“ Religionen dürfen ihre eigene Legitimität bestimmen.

„Das ist gefährlich.“ / „Das ist Satanismus.“
Die alte kirchliche Dämonologie lebt fort. Heidnische oder magische Symbolik wird reflexhaft mit dem Satanismus gleichgesetzt – ein Konzept, das aus dem Christentum stammt, im Paganismus aber keine Entsprechung hat.
Diese Projektion dient der moralischen Kontrolle: Das vermeintlich „Böse“ wird externalisiert, um das eigene „Gute“ zu bestätigen.


6. Folgen: Unsichtbarkeit und Ausschluss

Antipaganer Rassismus führt nicht nur zu gesellschaftlicher Stigmatisierung, sondern auch zu institutioneller Unsichtbarkeit.
Pagane Gruppen sind selten in Religionsdialogen vertreten, werden nicht als Partner religiöser Bildung anerkannt und in Medien meist nur in Krisenkontexten dargestellt – etwa, wenn über „Ritualmorde“, „Sekten“ oder „Esoterik“ berichtet wird.

Das erzeugt eine paradoxe Situation: Paganismus darf als kulturelle Folklore oder Lifestyle existieren, aber nicht als ernsthafte Religion.
Damit wird eine zentrale demokratische Norm verletzt – die Gleichheit aller religiösen Ausdrucksformen.


7. Schluss: Das verdrängte Gesicht Europas

Der antipagane Rassismus ist kein Randphänomen. Er liegt im kulturellen Selbstverständnis Europas selbst verborgen.
Denn Europa definiert sich bis heute als „christlich geprägt“ und zugleich als „aufgeklärt“. Beides schließt Religionen aus, die außerhalb des Monotheismus stehen.
Das Heidnische wird zur Projektionsfläche für das Verdrängte: für Körperlichkeit, Natur, Weiblichkeit, Magie – all das, was die europäische Zivilisation zur Ausbildung ihres Selbstbildes unterdrückt hat.

Wer antipaganen Rassismus sichtbar macht, legt also nicht nur eine Diskriminierungsform offen, sondern auch eine tiefe kulturelle Verdrängung.
Die Anerkennung paganer Religionen als gleichberechtigter Ausdruck spiritueller Vielfalt wäre daher nicht nur ein Akt der Toleranz, sondern ein Schritt zur Selbstversöhnung einer Kultur mit ihren eigenen Wurzeln.


Quellen und Literaturauswahl

  • Shooman, Yasemin (2014): „… weil ihre Kultur so ist“ – Narrative des antimuslimischen Rassismus. Bielefeld: transcript.
  • Hafez, Farid (2018): Islamophober Populismus: Moscheen, Minarette und die Errichtung einer symbolischen Grenze. Wiesbaden: Springer VS.
  • Attia, Iman (2019): Die „Krise des Islam“ und der antimuslimische Rassismus in Deutschland. Münster: Unrast.
  • York, Michael (2003): Pagan Theology: Paganism as a World Religion. New York: NYU Press.
  • Harvey, Graham (2007): Listening People, Speaking Earth: Contemporary Paganism. London: Hurst & Company.
  • Davies, Owen (2017): Paganism: A Very Short Introduction. Oxford: Oxford University Press.
  • Balibar, Étienne / Wallerstein, Immanuel (1990): Rasse, Nation, Klasse. Ambivalente Identitäten. Hamburg: Argument Verlag.
  • Mbembe, Achille (2017): Kritik der schwarzen Vernunft. Berlin: Suhrkamp.
  • Butler, Judith (2015): Notes Toward a Performative Theory of Assembly. Harvard University Press.
  • Wolf, Christa (1996): Kassandra. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Texte oder Funde? Warum moderne Heiden so oft auf alte Schriften blicken

Wer sich mit modernem Heidentum beschäftigt, stößt schnell auf Zitate antiker Autoren: Tacitus, Cäsar oder die Edda gehören zum festen Repertoire. Doch warum spielt Schriftliches eine so große Rolle – und warum geraten archäologische Funde, die ja oft direkter aus der heidnischen Vergangenheit stammen, dabei in den Hintergrund?

Die Autorität der Schrift

Im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert, als sich die ersten Strömungen des modernen Heidentums herausbildeten, waren die Maßstäbe von Wissenschaft und Religion stark textzentriert. Geschichtsschreibung, Theologie und Religionswissenschaft bauten auf Dokumenten, Chroniken und Überlieferungen auf. Wer über Religion sprechen wollte, brauchte Texte.

Das Christentum, Judentum und der Islam konnten auf „heilige Bücher“ verweisen. Heidnische Traditionen dagegen galten als „schriftlos“ – und damit als unbewiesen oder unzivilisiert. Um sich in diesem Diskurs behaupten zu können, griffen moderne Heiden zu dem, was verfügbar war: den Texten von Außenstehenden, die über das Heidentum berichteten. Tacitus’ Germania oder Snorris Edda wurden so zu zentralen Referenzen.

Archäologie: die schwierige Schwester

Natürlich gab es auch Funde: Kultplätze, Grabbeigaben, Mooropfer. Doch diese archäologischen Zeugnisse ließen sich lange Zeit nur schwer eindeutig deuten. Was ist ein Heiligtum, was ein profaner Platz? Welche Objekte sind rituell, welche schlicht alltäglich?

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein fehlte eine ausgefeilte Methodik, um Religion aus Funden zu rekonstruieren. Texte wirkten klarer, „verlässlicher“ – auch wenn sie oft christlich oder römisch gefärbt waren. Erst die moderne Religionsarchäologie hat gezeigt, wie sehr Artefakte, Landschaften und Opferstätten zur Rekonstruktion heidnischer Praxis beitragen.

Auseinandersetzung mit Buchreligionen

Die Orientierung am Schriftlichen hängt eng mit der Auseinandersetzung mit Buchreligionen zusammen. Moderne Heiden standen unter dem Vorwurf, ihr Glaube sei „quellenlos“ oder „erfunden“. Der Rückgriff auf Tacitus und andere Autoren war deshalb mehr als bloßes Interesse an Geschichte: Er war eine Legitimationsstrategie.

„Wir haben Texte – also haben wir Tradition“, lautete die Botschaft.

Heute: Texte und Funde

Inzwischen hat sich die Lage gewandelt. Religionsarchäologen wie Neil Price (Children of Ash and Elm, 2020) oder Rudolf Simek (Religion und Mythologie der Germanen, 2014) betonen, dass die materiellen Spuren ein viel komplexeres, oft widersprüchliches Bild ergeben als die alten Texte. Und Religionswissenschaftler wie Ronald Hutton (The Triumph of the Moon, 1999) oder Michael Strmiska (Modern Paganism in World Cultures, 2005) zeigen, dass moderne Heiden heute beides tun: sie beziehen sich weiterhin auf Texte, öffnen sich aber immer stärker auch für archäologische Deutungen.

Fazit

Ja – es lässt sich wissenschaftlich belegen, dass die starke Orientierung moderner Heiden an Schriftquellen mit dem Wettstreit um Autorität im Vergleich zu Buchreligionen zusammenhängt. Texte boten scheinbare Sicherheit und Reputation. Archäologische Funde rückten erst später ins Zentrum, als die Methoden ihrer Interpretation gereift waren.

Die Zukunft dürfte in einer Balance liegen: Texte und Funde ergänzen einander. Beide zusammen eröffnen ein reiches Panorama des alten Glaubens – und damit auch neue Inspiration für modernes Heidentum.

Literaturhinweise:

  • Hutton, Ronald (1999): The Triumph of the Moon. Oxford.
  • Strmiska, Michael (Hg.) (2005): Modern Paganism in World Cultures. Santa Barbara.
  • Simek, Rudolf (2014): Religion und Mythologie der Germanen. Darmstadt.
  • Price, Neil (2020): Children of Ash and Elm. New York.
  • Ellis Davidson, Hilda (1990): Gods and Myths of Northern Europe. London.

Hatten die Germanen wirklich keine Tempel?

Ein Blick auf Tacitus, Kelten und Slawen

Diese Frage wurde mir im vergangenen Jahr von einem Besucher unserer Veranstaltung gestellt.

Hier nun eine etwas ausführlichere Antwort:

Wenn wir heute über die Religionen der Germanen, Kelten oder Slawen nachdenken, begegnet uns oft eine berühmte Stelle bei Tacitus. In seiner Germania (Kapitel 9), verfasst um das Jahr 98 n. Chr., schreibt er, die Germanen hätten keine Tempel gehabt. Für sie sei es unvorstellbar gewesen, die Götter in Mauern einzuschließen. Verehrt hätten sie stattdessen in heiligen Hainen.

Diese Formulierung hat Jahrhunderte lang das Bild geprägt: die Germanen als naturverbundenes Volk ohne feste Kultstätten. Doch was stimmt daran?

Tacitus und seine Perspektive

Tacitus war Römer – und kein Augenzeuge. Er wollte seinen Lesern ein Gegenbild zur eigenen, „dekadenten“ Zivilisation vor Augen führen. Die Germanen erscheinen bei ihm als schlicht, rein und naturverbunden. Historisch ist das Bild jedoch verkürzt.

Archäologische Funde wie der Kultbau von Uppåkra in Südschweden oder Gudme in Dänemark zeigen eindeutig, dass germanische Gemeinschaften Kultgebäude besaßen. Sie waren aus Holz gebaut, nicht aus Stein, und darum weniger dauerhaft. Auch schriftliche Quellen späterer Zeit – etwa Adam von Bremen, der im 11. Jahrhundert den prächtigen Tempel von Uppsala beschreibt – bestätigen, dass es germanische Heiligtümer gab.

Wie war es bei den Kelten?

Auch die Kelten kannten beides:

Naturheiligtümer, etwa Haine oder Quellen, die in antiken Texten immer wieder erwähnt werden.

Kultbauten, die archäologisch belegt sind. Viereckschanzen in Süddeutschland oder Tempelanlagen in Frankreich (Gournay-sur-Aronde, Ribemont-sur-Ancre) zeigen, dass es feste Strukturen für Opfer und Rituale gab.

Die römischen Autoren betonten zwar gern die „wilden Haine“ der Druiden – doch die Funde beweisen, dass die keltische Religion auch architektonisch gefasst war.

Und die slawischen Stämme?

Bei den slawischen Völkern ist die Quellenlage noch deutlicher:

Chronisten wie Thietmar von Merseburg (um 1018) oder Saxo Grammaticus (um 1200) schildern hölzerne Tempel mit Statuen, Altären und Priestern. Besonders berühmt ist der Tempel des Svantevit auf Arkona (Rügen) oder der Kultort von Rethra.

Archäologische Befunde – etwa Brandspuren, Pfostenstellungen und Götteridole – bestätigen diese Berichte. Die slawische Religion war also fest mit Tempelbauten verbunden.

Fazit: Mehr als nur heilige Haine

Tacitus’ Aussage über die Germanen war weniger eine nüchterne Beobachtung als vielmehr ein literarisches Stilmittel. Germanen, Kelten und Slawen hatten sehr wohl Tempel – allerdings meist aus Holz, was ihre Spuren schwer fassbar macht.

Allen gemeinsam war ein Nebeneinander von Natur- und Bauheiligtümern:

  • Haine, Quellen und Berge als heilige Orte,
  • daneben aber auch architektonische Strukturen für Rituale und Götterverehrung.

Die Vorstellung einer rein „naturreligiösen“ Praxis greift also zu kurz. Stattdessen zeigt sich ein vielschichtiges Bild: Natur und Architektur ergänzten sich im Kult dieser vorchristlichen Religionen.

„Wir sind die mit den vielen Göttinnen und Göttern“

Dieser Spruch ziert seit Beginn der interreligiösen Arbeit die Blogseite „Paganes Leben Berlin“ , die zum Arbeitskreis gehört und ebenso einige unserer Banner und Flyer. Entstanden war der Satz auf einem unserer ersten öffentlichen Auftritte. Dialog: „Ihr seid doch Heiden?“ – „ja.“ – „Was machen denn Atheisten auf einem Religionsfest?“ und schwupp war der Satz geboren.

Nichts ist so missverständlich wie das Wort „Heiden“.

Das hat mit seiner Geschichte zu tun und ich gebe mal dazu nur einige Schlaglichter:

Viele denken, der Begriffe komme aus der Bibel und bezeichne entweder gänzlich „Ungläubige“ oder zumindest „Ungetaufte“. Wer in einer deutschen Bibel blättert hat aber z.B. das Problem, dass das gleiche deutsche Wort „Heiden“ sich in den vorchristlichen Teilen auf „alle bezieht, die nicht zum Bundesvolk Israel gehören“ und im christlichen Teil tatsächlich die polytheistischen Römer, Hellenen etc. gemeint sind. Im Frühchristentum gibt es dann den berühmten Streit, ob „Heiden“ denn überhaupt Christen werden könnten, da sie ja zuvor keine Juden waren. Bekannterweise wurde dieser Streit für diese Ansicht entschieden und noch dazu mit Missionierung verknüpft.

In den folgenden Jahrhunderten waren die „Heiden“ immer die Andersgläubigen. Für die Christen waren die Muslime lange „Heiden“. Spricht z.B. der alte Fritz über religiöse Toleranz und verspricht, er würde auch „den Heiden Tempel errichten“ meint er nicht Druiden und Asatru, sondern Muslime. Katholiken und Protestanten beschimpften sich lange Zeit gegenseitig nicht nur als Ketzer, sondern vor allem als „Heiden“. Besonders von protestantischer Seite zog man gern polemische Parallelen zu „Götzenkulten“.

Die Verknüpfung mit „Heide“ = ungetaufter Atheist ist sehr neuzeitlich, aber hat sich verbreitet.

Wo kommt das Wort her?

Es gibt verschiedene Ableitungen. Einmal tatsächlich mittelhochdeutsch „heidano“ als Übersetzung von „paganus“ (wir hatten das Wort weiter oben schon mal). Dann wäre es „zum Landvolk gehörig“. Es gibt aber auch die Ableitung von „heiðinn“ = zur heimischen Kultgemeinde gehörig.

Eher auf letzteres bezieht sich der moderne Begriff Heidentum. Er meint die in der Neuzeit wieder belebten Religionen der vorchristlichen Zeit (nicht nur in Europa). Ob davor ein „Neu-“ oder „Neo-“ gehört ist btw. umstritten und wir von vielen nicht gern gesehen. Es gibt zwar auch da interessante Systematiken, aber zumeist ist das „Neu-“ davor abwertend gemeint im Sinne von „ohne Wurzeln“, „selbst ausgedacht“, „neue Sekte“. Und prompt wird man unter „neue Religionen“ einsortiert.

Heidentum wurde als Begriff längst zurückerobert. Wie nennen wir es dann am liebsten? „Modernes Heidentum“ oder eben differenziert, da es viele Religionen sind: Druiden, Asatru, Wicca etc. Polytheisten sind auch nicht alle, aber viele.

Von daher stimmt dieser Wahlspruch noch immer.

Ach ja, für echte Polytheisten gilt: Alle Göttinnen und Götter existieren. Nicht nur die, die man selbst verehrt.

Wer das nochmal aus allerdings eindeutig christlicher Sichtweise nachlesen will, dem sei der EZW-Artikel zu Heidentum empfohlen:

https://www.ezw-berlin.de/publikationen/lexikon/heidentum