Die Göttin Ostara – oft als Frühlingsgöttin verstanden und Namensgeberin des englischen „Easter“ – ist eine der umstrittensten Gestalten der germanischen Mythologie. Ihre historische Herkunft ist nur sehr schwach belegt, und der einzige eindeutige antike Hinweis auf sie findet sich bei Beda Venerabilis (8. Jh.). In seinem Werk De temporum ratione erwähnt er eine Göttin namens Ēostre (altenglisch), nach der ein heidnischer Frühlingsmonat benannt gewesen sei. Beda schreibt, dass die Angelsachsen diesen Monat nach der Göttin nannten und dass ihr zu Ehren im Frühling Feste gefeiert wurden. Mit der Christianisierung sei dieses Fest durch das Osterfest ersetzt worden.
Mehr antike oder archäologische Belege gibt es nicht. Der Name Ostara selbst ist die hochdeutsche Form von Ēostre und wurde erst im 19. Jahrhundert durch Jacob Grimm eingeführt. In seiner Deutschen Mythologie (1835) rekonstruierte Grimm auf sprachwissenschaftlicher Grundlage eine entsprechende südgermanische Göttin Ostara und verband sie mit Vorstellungen des aufsteigenden Lichts, der Morgenröte und des wiederkehrenden Lebens. Er stützte sich dabei auf Parallelen zu indoeuropäischen Morgenröten-Göttinnen wie der vedischen Uṣas oder der griechischen Eos. Historisch ist also nur eine Nennung (Beda) gesichert, und Grimms Ostara ist eine gelehrte Rekonstruktion, die später volkstümlich und spirituell mit Leben gefüllt wurde.
Ostara als lebendige Göttin der Gegenwart
Auch wenn die historische Basis schmal ist, hat Ostara seit dem 19. Jahrhundert – und besonders seit der Wiederbelebung heidnischer und naturspiritueller Traditionen im 20. Jahrhundert – eine starke symbolische und spirituelle Präsenz entwickelt. In modernen heidnischen, druidischen oder Wicca-Kontexten steht sie für Fruchtbarkeit, Neubeginn, Licht und das Erwachen der Natur. Ihr Fest, die Frühlingstagundnachtgleiche, wird vielerorts als eine Zeit der Balance, Erneuerung und Dankbarkeit gefeiert – unabhängig davon, ob eine ununterbrochene Kulttradition existiert.
Das wirft eine wichtige religionsphilosophische Frage auf: Wann „existiert“ eine Gottheit?
Mythologisch betrachtet leben Götter durch die Beziehung zwischen Menschen und göttlicher Erfahrung. Wenn Menschen über Generationen hinweg eine Gestalt anrufen, ihr Bilder, Geschichten, Symbole und Feste widmen, dann entsteht diese Gottheit – nicht als archäologische Tatsache, sondern als reale spirituelle Präsenz im kulturellen und religiösen Raum. Viele antike Gottheiten sind nur durch wenige Inschriften oder lokale Riten belegt und wären ohne spätere Verehrung längst vergessen.
So kann man sagen: Auch wenn es möglich ist, dass es eine „alte Ostara“ nie gegeben hat, gibt es heute eine Ostara, die durch die bewusste Hinwendung vieler Menschen wieder lebendig geworden ist. Vielleicht ist sie eine neue Erscheinungsform einer uralten Kraft – jener Energie, die jedes Jahr Licht und Leben zurückbringt.
Wie der Frühling selbst zeigt, ist Wiederkehr keine Wiederholung des Alten, sondern ständige Erneuerung. Ostara lebt in dieser Bewegung – ob als neu erfundene oder wiedererkannte Göttin des aufblühenden Lebens.

