Verein für interreligiöse Bildung und Zusammenarbeit

Schlagwort: pagan umbrella

Was ist der „pagan umbrella“?

1. Historische Entstehung des Begriffs

Der Ausdruck entwickelte sich seit den 1970er und 1980er Jahren im englischsprachigen modernen Paganismus. In dieser Phase wuchsen neue heidnische Bewegungen, oft unabhängig voneinander: Wicca, feministische Hexentraditionen, Druidenorden, rekonstruktive Gruppen aus nordischer, griechischer oder ägyptischer Religion. Der Begriff diente zunächst der Selbstbeschreibung innerhalb der Szene, um Gemeinsamkeiten zu markieren, ohne die Eigenständigkeit einzelner Traditionen aufzugeben.

Mit dem Aufstieg großer Festivals (z. B. Pagan Spirit Gathering) und Publikationen (z. B. Pagan Dawn, Green Egg) gewann der Ausdruck Kontur und wurde zu einem Sammelbegriff für die gesamte Landschaft moderner polytheistischer und paganer Bewegungen.

2. Wissenschaftliche Verwendung

Religionswissenschaft und Anthropologie verwenden den Begriff als analytisches Konzept, ähnlich wie „Buddhismus“ oder „Hinduismus“, um eine Vielzahl von Traditionen mit gemeinsamen Merkmalen zu gruppieren. Allerdings wird der Begriff dort oft kritisch diskutiert:

  • Zu breit: Manche Forschende argumentieren, der Begriff fasse zu viele unterschiedliche Traditionen zusammen, die kaum eine konsistente gemeinsame Theologie haben.
  • Nützlich für Makroanalyse: Andere sehen im „umbrella“ eine pragmatische Kategorie, um religiöse Vielfalt sichtbar zu machen, statistisch erfassbar zu machen oder die soziale Funktion dieser Gruppen zu untersuchen.
  • Abgrenzung zu Esoterik/Okkultismus: Der Begriff hilft, polytheistische oder pagane Wege von allgemeinen esoterischen Strömungen zu unterscheiden.

3. Politische und rechtliche Dimension

Der „pagan umbrella“ ist auch ein politisches Instrument:

  • Repräsentation: Viele heidnische Gruppen sind zu klein oder zu jung, um allein als Religionsgemeinschaft wahrgenommen zu werden. Unter dem Dachbegriff können sie gemeinsam als relevante religiöse Minderheit auftreten.
  • Religionsfreiheit: In Ländern wie den USA, Großbritannien oder Island erleichtert der Sammelbegriff staatliche Anerkennung, Militärseelsorge, Gefängnisseelsorge oder Mitspracherechte in interreligiösen Gremien.
  • Schutz vor Diskriminierung: Der „umbrella“ schafft Sichtbarkeit für Gruppen, die sonst leicht marginalisiert werden – gerade weil sie historisch oft mit Satanismus verwechselt oder pauschal als „unseriös“ abgewertet wurden.

4. Funktion in interreligiöser Zusammenarbeit

In Dialogforen und Netzwerken ist der Begriff wichtig, weil er:

  • eine gemeinsame Stimme in Gremien schafft
  • die Vielfalt nicht reduziert, aber strukturiert
  • Einblicke in Traditionen ermöglicht, die sonst unter dem Radar von Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit bleiben
  • Kooperation zwischen sehr unterschiedlichen heidnischen Richtungen erleichtert, ohne sie zu homogenisieren

5. Innerpagane Debatten

Auch innerhalb der Szene ist „pagan umbrella“ umstritten:

  • Rekonstruktiv vs. eklektisch: Manche rekonstruktiven Gruppen (z. B. Hellenismos, einige Ásatrú-Gemeinschaften) lehnen den Begriff ab, weil sie nicht als Teil einer modernen, synkretistischen Bewegung verstanden werden wollen.
  • Feministische oder hexenbezogene Traditionen befürchten in manchen Ländern, dass polytheistische Recon-Gruppen den Diskurs dominieren.
  • Unterschiedliche Ethiken und Weltbilder: Manche Traditionen arbeiten initiatorisch, andere nicht; manche sind streng polytheistisch, andere monistisch, naturphilosophisch oder animistisch.

Der „Schirm“ bleibt daher immer ein Arbeitsbegriff, kein theologisches Konzept.

6. Zentrale gemeinsame Nenner unter dem Schirm

Trotz der Vielfalt gibt es einige wiederkehrende Muster:

  • Wertschätzung von Natur und Jahreskreisläufen
  • rituelle Praxis mit Festzyklen und spirituellen Techniken
  • Respekt vor Polytheismus, Animismus oder spiritueller Pluralität
  • Betonung persönlicher Erfahrung statt Dogma
  • Dezentralität und fehlende zentrale Autoritäten
  • große Rolle von Gemeinschaft, Feierkultur und Handlungs-Ethik

Was ist „pagan“ und was „Paganismus“?

Der Begriff „pagan“ ist an sich keine Selbstbezeichnung vorchristlicher Religionen, sondern taucht erst zu Beginn der Christianisierung im Römischen Reich auf.

„paganus“ ist der Landbewohner. Wohl auch im Gegensatz dazu, dass die neue Religion zunächst eher unter der Stadtbevölkerung Verbreitung erfuhr. Außerdem sind Landbewohner stärker mit dem Ablauf der Natur verbunden. Die Verehrung von Quellen, Flüssen, der Umgang mit den Jahreszeiten, das Wissen um die Bedeutung von Fruchtbarkeit sind unmittelbarer. Und so sehr sich Missionare und Gesetzgeber in den folgenden Jahrhunderten abmühten – Bräuche verschwanden nie ganz. Manche wurden christianisiert, verschmolzen mit anderen Symboliken. Aber sie sind viel viel älter. Ich sag nur „Osterhase“, „Osterei“, Feuer um die Sonnenwenden, Maibaum…

Nett gemeint war „paganus“ nicht. Es hatte eher den Beigeschmack von „doofes Landei“.

Eine weitere Bedeutung: Gerade durch die Verbreitung im römischen Militär (man löste den Mithras-Kult ab…) und die durchaus martialische Art früher Missionare wurde der Begriff des „Miles Christi“ früh geboren. Der „Soldat Christi“ oder „christliche Soldat“. Eine Vorstellung, die dann noch einmal eine Blüte in den Kreuzzügen und der Kolonialisierung erlebte.

Hier gibt es das Gegensatzpaar „paganus“ ist der „Zivilist“. Interessanter Aspekt, gerade bei dem oft kriegerisch überzeichneten Bild vom „heidnischen Barbaren“.

In der Neuzeit, mit Beginn der Rekonstruktion und dem Wiedererstarken verschiedenster polytheistischer Religionen sah man sich einem Problem gegenüber: Es gab keinen -ismus. Keinen Dachbegriff. Auch kein -tum. Also gab es Dachbegriffe wie „Heidentum“ und dann – internationaler „Paganismus“. „Heidentum“ war nämlich christlich besetzt. Es hinderte nicht daran, den Begriff langsam zurückzuholen. Aber international hat sich Paganismus durchgesetzt.

Das ist ein Dachbegriff für sehr viele verschiedene Religionen und spirituelle Pfade. Unterschiedlich alt, unterschiedlich organisiert, manche polytheistisch, manche duotheistisch, manche monolatrisch, pantheistisch, magisch aktiv oder nicht, rekonstruktionistisch oder nicht. Eine große Vielfalt unter dem „paganen Dach“, im „pagan tent“ oder unter dem „pagan umbrella“.