Verein für interreligiöse Bildung und Zusammenarbeit

Schlagwort: Hexen

Ursprung und Wandlung des Begriffs „Hexensabbat“

Der Begriff „Hexensabbat“ ist eine Erfindung der christlichen Theologie und der spätmittelalterlichen Inquisition – ein Beispiel dafür, wie religiöse Sprache zur Waffe werden kann. Ursprünglich stammt das Wort Sabbat aus dem Hebräischen „Schabbat“, dem heiligen Ruhetag des Judentums. Über das lateinische sabbatum fand es Eingang in die kirchliche Gelehrtensprache.
Doch im Lauf des Mittelalters begann sich der Begriff zu verändern: Was im Judentum ein Tag der Heiligung war, wurde im christlichen Volksglauben zunehmend mit Ketzerei und „falschem Kult“ assoziiert. In der antijüdischen Polemik der Zeit tauchten bereits Ausdrücke wie „synagoga diaboli“Synagoge des Teufels – auf.

Als sich im 14. und 15. Jahrhundert die Lehre von der organisierten Hexensekte herausbildete, griffen Theologen auf diese Sprache zurück.
In Schriften wie Johannes Niders Formicarius (ca. 1437) oder Heinrich Kramers Malleus Maleficarum (1487) taucht die Vorstellung einer nächtlichen Versammlung von Hexen auf, die gemeinsam mit dem Teufel tanzen, ihn anbeten und sündige Riten vollziehen. Diese Zusammenkünfte nannte man bald „Sabbata“ – eine bewusste Parallele zur jüdischen Feier des Sabbats, aber in dämonischer Verkehrung.

Damit wurde der „Hexensabbat“ zum zentralen Element des Hexenwahns:
Die Idee, es gebe geheime nächtliche Orgien, Flugrituale, Tieropfer und Kinderfresserei, speiste sich aus antiken Mythen, klerikalen Ängsten und sexualisierten Projektionen – nicht aus realen Praktiken. Unter Folter gestandene Frauen und Männer „bestätigten“ diese Phantasien, was sie weiter zementierte.
So entstand ein geschlossener Mythos, der tausende Todesurteile legitimierte.

Erst im 19. Jahrhundert wurde der Begriff umgedeutet. Der französische Historiker Jules Michelet sah in seinem Werk La Sorcière (1862) in den Hexen die letzten Priesterinnen einer verfolgten Naturreligion. Später griff Margaret Murray diese Idee auf und machte daraus ihre Theorie eines europaweiten „Witch-Cults“, dessen Feste – die „Sabbate“ – heidnischen Ursprungs seien.
Diese romantische Vorstellung beeinflusste maßgeblich Gerald Gardner, den Begründer des modernen Wicca.
In der heutigen Wicca-Tradition ist der Begriff „Sabbat“ daher zu einem positiven Symbol geworden – nicht mehr Ausdruck der Angst, sondern Zeichen des zyklischen Lebens und der spirituellen Wiederverbindung mit der Natur.


📚 Quellen und Literatur

  • Malleus Maleficarum (1487), Heinrich Kramer & Jakob Sprenger
  • Johannes Nider: Formicarius (ca. 1437)
  • Claude Lecouteux: Les Nuits des Sorcières (Paris, 1994)
  • Jules Michelet: La Sorcière (1862)
  • Margaret A. Murray: The Witch-Cult in Western Europe (1921)
  • Carlo Ginzburg: Ecstasies: Deciphering the Witches’ Sabbath (1989)
  • Norman Cohn: Europe’s Inner Demons (1975)
  • Wolfgang Behringer: Hexen. Glaube, Verfolgung, Vermarktung (1998)

Hexenrunen, Hexenzeichen und Hexensymbole – Geschichte und Bedeutung

Vom eingeritzten Hauszeichen bis zum modernen Pentakel – Symbole, die mit „Hexen“ verbunden werden, haben eine lange und wechselvolle Geschichte. Ihre Bedeutung wandelte sich von Abwehrzauber zu spirituellem Ausdruck.

1. Ursprung: Schutz vor Hexerei

In der frühen Neuzeit dienten Hexen- oder Bannzeichen nicht der Hexerei, sondern dem Schutz gegen sie.
Bauern und Handwerker ritzten Kreise, Sterne, Doppel-V-Zeichen oder Rosetten in Türen und Balken, um Haus und Stall vor Hexen und Unheil zu schützen.

Natürlich ist der Gebrauch von Zeichen und Symbolen für Schutz und Rituale viel älter, so alt wie die Menschheit selbst. Darauf gehen wir in einem anderen Artikel noch ein.

Hier geht es um die neuzeitlichen „Hexenzeichen“.

Solche Zeichen – heute als witch marks oder apotropaic marks bekannt – finden sich in ganz Europa (vgl. Merrifield 1987).
Häufige Formen waren das Pentagramm, Sonnenräder, Marienmonogramme und Doppelkreise.
Sie verbanden sich mit christlicher Frömmigkeit ebenso wie mit volkstümlicher Magie.

2. Runen und Zauberzeichen

Runen, ursprünglich germanische Schriftzeichen, galten schon in der Wikingerzeit als Träger magischer Kraft.
Im Spätmittelalter erschienen runenähnliche Linien und Symbole in Zauberbüchern und Amuletten – etwa in der isländischen Galdrabók.

Sie stellen einerseits eine Weiterentwicklung der älteren Runen dar, z.B. ritzte man nicht mehr, es wurde mit Tinte geschrieben, wodurch Zeichen runder wurden. Andererseits erfolgte eine Vermischung mit hermetischen und kabbalistischen Siegeln und Zeichen.

Der Begriff „Hexenrunen“ entstand erst im 19. Jahrhundert, als Romantik und Okkultismus die Runen neu deuteten.
Besonders völkische Autoren wie Guido von List oder Karl Spiesberger sahen sie als Urzeichen magischer Macht – meist ohne historische Grundlage.

3. Moderne Hexensymbole

Mit dem Aufkommen von Wicca und moderner Hexenspiritualität seit den 1950er Jahren wandelte sich die Symbolik grundlegend.
Zeichen, die einst der Abwehr dienten, wurden zu positiven magischen Werkzeugen.

Zu den wichtigsten Symbolen zählen:

  • Pentagramm / Pentakel – Symbol der Elemente und des Schutzes
  • Dreifacher Mond – Jungfrau, Mutter, Alte; Lebensphasen der Göttin
  • Triskele / Spirale – Kreislauf von Leben, Tod, Wiedergeburt
  • Bindrunen / Sigillen – individuell geschaffene Zauberzeichen

Sie stehen heute für Selbstermächtigung, Naturverbundenheit und Spiritualität.

Zeichen wie Pentagramme, Mondsymbole und Triskelen gehören zu den ältesten Symbolen der Menschheit und sind mit vielen religiösen Vorstellungen verbunden.

4. Bedeutungswandel

Früher galten Hexenzeichen als Bann gegen weiblich konnotierte Magie – heute sind sie Symbole weiblicher Kraft und Freiheit.
Der Weg vom Furchtzeichen zum Identitätssymbol spiegelt den kulturellen Wandel des Hexenbildes:
Von der bedrohten Außenseiterin zur Hüterin alten Wissens.

Quellen (Auswahl)

  • Merrifield, Ralph: The Archaeology of Ritual and Magic. London 1987.
  • Davies, Owen: Cunning-Folk: Popular Magic in English History. London 2003.
  • Wienker-Piepho, Sabine: Zauberzeichen und Segenssprüche in Volkskultur und Kunst. München 2005.
  • Biedermann, Hans: Knaurs Lexikon der Symbole. München 1989.
  • Pennick, Nigel: Magical Alphabets. London 1992.

Reformationstag

Und nachdem ich mich schon zu „Halloween“ geäußert habe – noch das „Heidnische Wort zum Tage“:

Reformationstag

Das Wort Reformation bedeutet wörtlich „Rückbildung zur ursprünglichen Form“. Es bezeichnet also nicht nur eine Veränderung, sondern eine bewusste Rückbesinnung auf den Ursprung, auf das, was als „authentisch“ oder „wesentlich“ verstanden wird. Auch der moderne Paganismus, ebenso wie viele andere religiöse Bewegungen, trägt dieses Streben in sich: die Suche nach Wurzeln, die Wiederentdeckung vergessener Quellen und Rituale, und die kritische Auseinandersetzung mit späteren Dogmen. Jede Religion, die lebendig bleiben will, braucht solche Phasen der Selbstprüfung und Erneuerung.

Allerdings ist der Begriff „Reformation“ nicht ohne Schattenseiten. Die protestantische Bewegung, die sich mit Martin Luther verbindet, veränderte Europa tiefgreifend – und nicht immer nur zum Guten. Das lutherische Prinzip sola scriptura („allein durch die Schrift“) hat das religiöse Denken der Neuzeit stark geprägt. Es stärkte die Vorstellung, dass „wahre Religion“ immer schriftlich belegt und an einen heiligen Text gebunden sein müsse. Damit wurden viele mündliche, naturbezogene oder rituelle Traditionen abgewertet – eine Entwicklung, unter der bis heute polytheistische, indigene oder pagane Religionen leiden.

Martin Luther – Licht und Schatten

Martin Luthers Lebenswerk war von großer Widersprüchlichkeit geprägt. Auf der einen Seite stand seine bahnbrechende Tat, die Bibel in eine allgemein verständliche Sprache zu übersetzen. Damit schuf er erstmals für breite Bevölkerungsschichten die Möglichkeit, die Quellen ihrer Religion selbst zu lesen, zu verstehen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Dieser Gedanke – religiöse Mündigkeit und Freiheit des Gewissens – wirkt bis heute fort.

Auf der anderen Seite jedoch finden sich in Luthers späten Schriften Aussagen von erschütternder Härte und Hass, insbesondere gegenüber Juden und Frauen, die man der Hexerei beschuldigte. Seine Schriften Von den Juden und ihren Lügen (1543) und seine Tischreden belegen, dass er zur Verfolgung aufrief und Gewalt mit religiösem Eifer rechtfertigte.

Antisemitismus

In seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen schreibt Luther:

„Erstlich, daß man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe, daß kein Mensch einen Stein oder eine Schlacke davon sehe ewiglich.“

In moderner Übertragung:

„Zuerst sollte man ihre Synagogen oder Schulen anzünden und, was nicht verbrennt, mit Erde überdecken, damit niemand mehr einen Stein davon sehe – auf ewig.“

Weiter heißt es:

„Man soll ihnen ihre Häuser auch zerbrechen und zerstören. […] Man soll ihnen nehmen all ihre Betbüchlein und Talmude, darin solch Abgötterei, Lügen, Fluch und Lästerung gelehrt wird.“

Übersetzt:

„Ihre Häuser soll man zerstören. […] Man soll ihnen alle ihre Gebetbücher und Schriften nehmen, in denen sie Götzendienst, Lügen, Fluch und Lästerung lehren.“

Diese Worte sind keine Randbemerkungen, sondern Kernstellen seiner späten Schriften. Sie begründeten eine religiöse Feindschaft, die weit über Luthers Zeit hinaus wirkte und in der europäischen Geschichte unheilvolle Spuren hinterließ.

Haltung zu Hexen

Auch gegenüber Frauen, die man der Hexerei bezichtigte, äußerte sich Luther mit erschreckender Grausamkeit. In seinen Tischreden (1538) sagte er:

„Die Hexen sollen getötet werden, denn sie schaden, so viel sie können.“

In heutiger Sprache:

„Hexen soll man töten, denn sie richten Schaden an, wo immer sie können.“

An anderer Stelle bemerkte er:

„Ich wollte keine Gnade für sie haben; ich wollte sie alle verbrennen.“

Moderne Fassung:

„Ich hätte kein Mitleid mit ihnen – ich würde sie alle verbrennen.“

Diese Haltung war keine Einzelfallmeinung. In vielen protestantischen Territorien stieg in der Folge die Zahl der Hexenprozesse drastisch an. Während die katholische Kirche ab Mitte des 17. Jahrhunderts zunehmend zurückhaltender wurde, brannten in protestantischen Gebieten wie Württemberg, Hessen, der Pfalz oder Teilen der Schweiz die Scheiterhaufen oft noch heftiger. Historiker weisen darauf hin, dass die Vorstellung einer „reinen Gemeinde“ unter dem direkten Wort der Schrift auch zur schärferen Ausgrenzung des „Anderen“ führte – seien es Juden, Hexen oder Andersgläubige.

Reformation als Spiegel unserer Zeit

Die Auseinandersetzung mit Luther ist daher nicht nur ein historisches, sondern auch ein gesellschaftliches Anliegen. Reformation bedeutete im 16. Jahrhundert Befreiung und Bildung, aber auch Fanatismus und Verfolgung. Sie zeigt, dass religiöse Erneuerung immer ambivalent ist: Sie kann zur Öffnung führen – oder zur Abgrenzung.

Gerade Heiden, moderne Pagane und spirituelle Menschen außerhalb der großen Buchreligionen sollten sich mit diesem Erbe kritisch befassen. Denn das lutherische Erbe wirkt bis heute fort in der Vorstellung, dass Religion nur „echt“ sei, wenn sie ein Buch, ein Dogma, eine feste Lehre besitzt. Eine wahrhaft zeitgemäße Reformation aber müsste heute das Gegenteil bewirken: Sie müsste die Vielfalt religiöser Ausdrucksformen anerkennen – schriftlich wie mündlich, naturverbunden wie rational, weiblich wie männlich – und sie auf das gemeinsame Ziel hin befragen: auf das Bewusstsein des Heiligen in der Welt.

So verstanden wäre Reformation nicht länger eine Rückkehr zu alten Dogmen, sondern eine fortwährende Bewegung der Selbsterkenntnis. Eine Erinnerung daran, dass jede Religion – ob christlich, heidnisch oder säkular – sich immer wieder selbst prüfen, wandeln und erneuern muss, um wahrhaft lebendig zu bleiben.

Historische Hexenverfolgung in aktueller Forschung – Räume, Geschlechter, Institutionen

Die Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit gehören zu den am intensivsten erforschten Kapiteln der europäischen Geschichte. Während lange Zeit pauschale Zahlen und vereinfachte Deutungsmuster dominierten, zeichnet sich die aktuelle Forschung durch differenzierte regionale Analysen, geschlechtersensible Perspektiven und eine präzisere Betrachtung kirchlicher wie weltlicher Institutionen aus. Im Folgenden sollen drei wesentliche Schwerpunkte vorgestellt werden: der deutschsprachige Raum als Epizentrum der Verfolgungen, die Rolle von Geschlecht und sozialer Stellung sowie die Einflüsse von Kirche, Theologie und Recht.

Hexenverfolgung im deutschsprachigen Raum

Der deutschsprachige Raum gilt nach wie vor als das Zentrum der europäischen Hexenverfolgungen. Zwischen etwa 1560 und 1650 erreichten die Prozesse hier ihren Höhepunkt. Besonders bekannt sind die Massenprozesse von Bamberg, Würzburg und Ellwangen, die hunderte Opfer in kurzer Zeit forderten. Neuere Forschungen zeigen, dass die territoriale Zersplitterung des Heiligen Römischen Reiches eine zentrale Rolle spielte: Jede Herrschaft übte ihre eigene Gerichtsbarkeit aus, wodurch zahlreiche parallele Verfolgungswellen entstehen konnten. Dennoch verliefen die Entwicklungen nicht einheitlich. Während manche Regionen von grausamen Serienprozessen geprägt waren, blieben Nachbargebiete weitgehend verschont. Mikrohistorische Studien erklären diese Unterschiede mit lokaler Gerichtspraxis, Ausbildung der Richter sowie den politischen und sozialen Konstellationen vor Ort. Quantitative Studien belegen inzwischen, dass über die Hälfte aller europäischen Hinrichtungen im Alten Reich stattfanden, womit die Region als „epizentrische Zone“ der Hexenverfolgung gelten kann (Behringer 1998; Dillinger 2007).

Geschlechterrollen und soziale Dimensionen

Ein zweiter Forschungsschwerpunkt betrifft die Frage nach der Rolle von Geschlecht. Rund drei Viertel der Angeklagten waren Frauen, häufig verwitwete oder sozial marginalisierte Personen. Die Vorwürfe spiegeln tief verankerte Vorstellungen weiblicher Schwäche, Verführbarkeit und Gefährlichkeit wider. Doch aktuelle Untersuchungen weisen auch auf die regionale Varianz hin: In Skandinavien oder in Teilen Frankreichs waren Männer stärker betroffen, insbesondere bei Vorwürfen der Wetterzauberei oder Schatzmagie. Neuere Arbeiten betonen, dass Hexereianklagen nicht nur Ausdruck von Misogynie waren, sondern auch als Mittel der sozialen Kontrolle dienten. Nachbarschaftsstreitigkeiten, Fragen der Armenfürsorge oder Konflikte über Sexualität konnten so eskalieren. Feministische und sozialgeschichtliche Ansätze fragen zudem zunehmend nach der Handlungsmacht der Angeklagten: Manche Frauen nutzten Prozesse, um eigene Positionen zu behaupten, andere formten Geständnisse aktiv mit oder erhoben Gegenklagen (Brauner 1995; Wiesner-Hanks 2008).

Kirche, Theologie und juristische Praxis

Ein dritter Schwerpunkt liegt auf der Rolle von Kirche, Theologie und Recht. Werke wie der Malleus Maleficarum von Heinrich Kramer prägten zwar die Dämonologie, doch betont die Forschung, dass diese Texte allein keine Prozesse auslösten. Sie schufen vielmehr ein intellektuelles Klima, in dem lokale Obrigkeiten und Gerichte handelten. Besonders differenziert wird heute die Rolle kirchlicher Institutionen betrachtet: Während die Inquisition in Italien oder Spanien vergleichsweise zurückhaltend agierte und Massenhinrichtungen oft verhinderte, waren es im Reich vor allem weltliche Gerichte, die exzessive Prozesse führten. Katholische wie protestantische Obrigkeiten verfolgten gleichermaßen Hexerei, wobei konfessionelle Spannungen die Jagden verschärfen konnten. Auch juristisch spielte die Rezeption des römischen Rechts, insbesondere der Constitutio Criminalis Carolina von 1532, eine zentrale Rolle. Sie etablierte Beweisregeln und den Einsatz der Folter, wodurch Prozesse systematisiert und eskaliert werden konnten (Kieckhefer 1976; Decker 2007).

Verantwortung und koloniale Dimension

Was die Verantwortung für die Verfolgung betrifft, so steht der Anstifter dem Täter gleich. Eine einfache Entschuldigung, die Prozesse seien rein weltliche Angelegenheiten gewesen, genügt daher nicht. Kirchliche Theologen, Prediger und juristisch ausgebildete Geistliche schufen durch Predigten, Traktate und Gutachten das ideologische Fundament, auf dem die weltlichen Gerichte handelten. Selbst wenn die Exekutionen im Rahmen der Territorialgerichte stattfanden, war das Denken, das Hexerei als dämonisches Bündnis interpretierte, genuin theologischer Natur (Behringer 1998; Levack 2016).

Die Verfolgung von unerwünschten magischen Praktiken ist keine Erfindung des Christentums – schon in der Antike wurden Magier und Zauberer verfolgt –, doch das Christentum trieb sie durch seine dualistische Weltsicht und die Ausgrenzung Andersdenkender auf die Spitze. In der biblisch geprägten Vorstellung standen göttliche und teuflische Mächte in scharfem Gegensatz, wodurch alles außerhalb kirchlicher Autorität als teuflisch gedeutet werden konnte (Kieckhefer 1976; Roper 2004). Die moderne Trennung von Staat und Kirche, eine Idee des 18. und 19. Jahrhunderts, greift für die Frühe Neuzeit nicht: Die Prozesse fanden in einem System statt, in dem weltliche und kirchliche Macht eng verflochten waren (Decker 2007).

Die Opfer der Hexenverfolgungen waren in Europa nur selten tatsächlich pagane oder polytheistische Personen. Zwar wurden Reste vorchristlicher Bräuche, Volksglaube und Heilrituale mitverfolgt, doch richteten sich die Prozesse meist gegen getaufte Christen, die abweichendes Verhalten zeigten (Dillinger 2007; Ostorero 1999). Anders gestaltete sich die Lage im Zuge der europäischen Kolonisation: Hier verband sich die Missionstätigkeit mit der Vernichtung indigener Religionen. Koloniale Hexenverfolgungen, etwa in Afrika oder Lateinamerika, trafen häufig Menschen, die sich weigerten, ihre eigenen religiösen Praktiken aufzugeben. Hier mischten sich religiöser Eifer, Rassismus und ökonomische Interessen zu einer besonders grausamen Form von Gewalt (Federici 2004; Vaughan 1991). Neuere postkoloniale Studien zeigen, dass das Bild der „Hexe“ im Kolonialismus als Instrument der Unterdrückung diente, um spirituelle Autorität indigener Frauen zu brechen (Brunnekreef 2023; Finlay et al. 2025).

Fazit

Die aktuelle Forschung zeigt deutlich, dass Hexenverfolgungen nicht monokausal erklärbar sind. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel von regionalen politischen Strukturen, sozialen Konflikten, Geschlechterrollen, theologischen Diskursen und juristischen Praktiken. Der deutschsprachige Raum war dabei das Zentrum, doch die Muster der Verfolgung sind nur im europäischen und globalen Zusammenhang zu verstehen.

Ethisch wie historisch bleibt festzuhalten, dass die Verantwortung geteilt ist: Theologen und weltliche Obrigkeiten trugen gemeinsam zur Legitimation und Durchführung der Verfolgungen bei. Die dualistische Weltsicht des Christentums, die Verknüpfung von Häresie und Hexerei sowie die fehlende Trennung zwischen kirchlicher und staatlicher Gewalt schufen ein System, das Angst und Unterdrückung institutionalisierte. Die Erinnerung an diese Geschichte ist daher nicht nur eine Frage der Vergangenheitsbewältigung, sondern auch ein Aufruf, religiöse und kulturelle Vielfalt als Schutzraum menschlicher Freiheit zu verstehen.

Literatur

  • Behringer, Wolfgang: Hexen. Glaube, Verfolgung, Vermarktung. München 1998.
  • Behringer, Wolfgang: Hexenverfolgung in Bayern. Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsräson in der Frühen Neuzeit. München 1987.
  • Brauner, Sigrid: Fearless Wives and Frightened Shrews. The Construction of the Witch in Early Modern Germany. Amherst 1995.
  • Brunnekreef, J.: “The Witch’s Mirror”: A Review of Scholarship on Witchcraft and Contemporary Practices. In: Religions 14/3 (2023).
  • Decker, Rainer: Die Päpste und die Hexen. Von Innozenz VIII. bis Benedikt XIV. München 2003.
  • Decker, Rainer: Die Hexen und die Kirche. Von den Anfängen bis heute. München 2007.
  • Dillinger, Johannes: Hexen und Magie. Eine historische Einführung. Frankfurt a.M. 2007.
  • Federici, Silvia: Caliban and the Witch. Women, the Body and Primitive Accumulation. New York 2004.
  • Finlay, S. et al.: Psychological and Social Scars after State-Sponsored Witch Hunts in Gambia. 2025.
  • Gaskill, Malcolm: Witchfinders. A Seventeenth-Century English Tragedy. London 2005.
  • Hegeler, Hartmut / Hegeler, Ute: Was war die Wahrheit über die Hexenverfolgung? Unna 2012.
  • Jerouschek, Günter u.a. (Hg.): Malleus Maleficarum. Kritische Edition. Stuttgart 2000.
  • Kieckhefer, Richard: European Witch Trials. Their Foundations in Popular and Learned Culture, 1300–1500. London 1976.
  • Levack, Brian P.: The Witch-Hunt in Early Modern Europe. 4. Aufl., London/New York 2016.
  • Ostorero, Martine u.a. (Hg.): L’imaginaire du sabbat. Édition critique des textes les plus anciens (1430–1440). Lausanne 1999.
  • Peacey, S.: The Cultural Evolution of Witchcraft Beliefs. In: Evolution and Human Behavior (2024).
  • Roper, Lyndal: Hexenwahn. Geschichte einer Verfolgung. München 2004.
  • Ruggiero, Guido: Binding Passions. Tales of Magic, Marriage, and Power at the End of the Renaissance. Oxford 1993.
  • Schormann, Gerhard: Hexenprozesse in Deutschland. Göttingen 1991.
  • Valente, M.: Witch Hunting and Prosecuting in Early Modern Italy. In: Religions 14/5 (2023).
  • Vaughan, Megan: Curing Their Ills: Colonial Power and African Illness. Stanford 1991.
  • Wiesner-Hanks, Merry: Women and Gender in Early Modern Europe. Cambridge 2008.
  • Wüst, Wolfgang (Hg.): Hexen, Magie und Zauberei in Bayern. Augsburg 2010.
  • Doten-Snitker, K.: Ideational Diffusion and the Great Witch Hunt in Central Europe. Social Science History (2024).