Der Begriff „Hexensabbat“ ist eine Erfindung der christlichen Theologie und der spätmittelalterlichen Inquisition – ein Beispiel dafür, wie religiöse Sprache zur Waffe werden kann. Ursprünglich stammt das Wort Sabbat aus dem Hebräischen „Schabbat“, dem heiligen Ruhetag des Judentums. Über das lateinische sabbatum fand es Eingang in die kirchliche Gelehrtensprache.
Doch im Lauf des Mittelalters begann sich der Begriff zu verändern: Was im Judentum ein Tag der Heiligung war, wurde im christlichen Volksglauben zunehmend mit Ketzerei und „falschem Kult“ assoziiert. In der antijüdischen Polemik der Zeit tauchten bereits Ausdrücke wie „synagoga diaboli“ – Synagoge des Teufels – auf.
Als sich im 14. und 15. Jahrhundert die Lehre von der organisierten Hexensekte herausbildete, griffen Theologen auf diese Sprache zurück.
In Schriften wie Johannes Niders Formicarius (ca. 1437) oder Heinrich Kramers Malleus Maleficarum (1487) taucht die Vorstellung einer nächtlichen Versammlung von Hexen auf, die gemeinsam mit dem Teufel tanzen, ihn anbeten und sündige Riten vollziehen. Diese Zusammenkünfte nannte man bald „Sabbata“ – eine bewusste Parallele zur jüdischen Feier des Sabbats, aber in dämonischer Verkehrung.
Damit wurde der „Hexensabbat“ zum zentralen Element des Hexenwahns:
Die Idee, es gebe geheime nächtliche Orgien, Flugrituale, Tieropfer und Kinderfresserei, speiste sich aus antiken Mythen, klerikalen Ängsten und sexualisierten Projektionen – nicht aus realen Praktiken. Unter Folter gestandene Frauen und Männer „bestätigten“ diese Phantasien, was sie weiter zementierte.
So entstand ein geschlossener Mythos, der tausende Todesurteile legitimierte.
Erst im 19. Jahrhundert wurde der Begriff umgedeutet. Der französische Historiker Jules Michelet sah in seinem Werk La Sorcière (1862) in den Hexen die letzten Priesterinnen einer verfolgten Naturreligion. Später griff Margaret Murray diese Idee auf und machte daraus ihre Theorie eines europaweiten „Witch-Cults“, dessen Feste – die „Sabbate“ – heidnischen Ursprungs seien.
Diese romantische Vorstellung beeinflusste maßgeblich Gerald Gardner, den Begründer des modernen Wicca.
In der heutigen Wicca-Tradition ist der Begriff „Sabbat“ daher zu einem positiven Symbol geworden – nicht mehr Ausdruck der Angst, sondern Zeichen des zyklischen Lebens und der spirituellen Wiederverbindung mit der Natur.
📚 Quellen und Literatur
- Malleus Maleficarum (1487), Heinrich Kramer & Jakob Sprenger
- Johannes Nider: Formicarius (ca. 1437)
- Claude Lecouteux: Les Nuits des Sorcières (Paris, 1994)
- Jules Michelet: La Sorcière (1862)
- Margaret A. Murray: The Witch-Cult in Western Europe (1921)
- Carlo Ginzburg: Ecstasies: Deciphering the Witches’ Sabbath (1989)
- Norman Cohn: Europe’s Inner Demons (1975)
- Wolfgang Behringer: Hexen. Glaube, Verfolgung, Vermarktung (1998)

