Verein für interreligiöse Bildung und Zusammenarbeit

Schlagwort: Religion

Herkunft und Deutungen des Begriffs „Religion“

Der Begriff Religion stammt aus dem Lateinischen, genauer aus dem Wort religio. Schon in der Antike war seine Etymologie umstritten, und die Deutung des Begriffs spiegelt bis heute verschiedene Auffassungen über das Wesen des Religiösen wider.

1. Antike Ursprünge

Der römische Autor Cicero (1. Jh. v. Chr.) leitet religio von relegere („wieder lesen, sorgsam beachten“) ab. Danach bedeutet Religion die sorgfältige Beachtung von Riten, göttlichen Vorschriften und kultischen Pflichten (vgl. De natura deorum II,72). Religion wäre demnach ein achtsames, gewissenhaftes Handeln gegenüber dem Göttlichen – kein Glaube im modernen Sinn, sondern eine Haltung der Sorgfalt im Vollzug heiliger Handlungen.

Der Kirchenvater Lactantius (3.–4. Jh. n. Chr.) bietet eine zweite Deutung, die später von Augustinus aufgenommen wird: religio komme von religare („wieder verbinden“). Hier steht Religion für die Bindung des Menschen an Gott, ein Verständnis, das in der christlichen Theologie dominant wurde.

Diese Deutung transformierte den ursprünglich kultisch-praktischen Begriff in einen innerlich-ethischen: Religion als Glaubensbindung, nicht als rituelle Pflicht.

2. Mittelalter und Neuzeit

Im Mittelalter bezeichnet religio meist die Lebensweise von Mönchen oder Ordensgemeinschaften („ein Ordensleben führen“). Erst in der Neuzeit, besonders im Zuge der Reformation und Aufklärung, wurde der Begriff verallgemeinert und als System von Glaubensinhalten und Praktiken verstanden.

Mit der Entstehung der Religionswissenschaft im 19. Jahrhundert wurde „Religion“ zu einem wissenschaftlichen Sammelbegriff für unterschiedliche Glaubens- und Kultformen, unabhängig von ihrem Wahrheitsanspruch.

3. Unterschiedliche wissenschaftliche Deutungen

Da Religion in allen Kulturen verschieden erscheint, gibt es viele Ansätze zu ihrer Definition:

  • Emile Durkheim (1912) verstand Religion als ein System von Vorstellungen und Praktiken, „die sich auf das Heilige beziehen“ und eine moralische Gemeinschaft, die „Kirche“, bilden.
  • Clifford Geertz (1966) definierte Religion als ein kulturelles Symbolsystem, das Stimmungen und Motivationen im Menschen hervorruft und die Welt sinnvoll ordnet.
  • Mircea Eliade (1957) betonte den Aspekt des „Heiligen“ als Grundstruktur der religiösen Erfahrung.
  • Wouter J. Hanegraaff (1996) zeigte in New Age Religion and Western Culture, dass viele sogenannte „esoterische“ oder „neue religiöse Bewegungen“ vom westlichen Religionsbegriff ausgeschlossen wurden, weil dieser historisch von christlich-theologischen und kolonialen Maßstäben geprägt war.

Diese Vielfalt verdeutlicht: Der Begriff „Religion“ ist kein naturgegebener, sondern ein kulturell gewachsener Deutungsrahmen, der sich wandelt.

4. Warum moderne heidnische Wege Religionen sind

Das moderne Heidentum (Paganismus) umfasst viele Strömungen – etwa Wicca, Ásatrú, Druidry, Hellenismos, Dianic Witchcraft, Slawisches Rodnovery, oder eklektische spirituelle Wege. Diese Vielfalt entspricht genau dem, was Religionswissenschaft unter pluralen Religionen versteht: Systeme mit kosmologischen Konzepten, heiligen Symbolen, rituellen Praktiken und ethischen Grundsätzen, die eine gemeinschaftsbildende Funktion erfüllen.

  • Sie bieten Weltdeutung (Mythos, Kosmologie),
  • Lebensführung (Rituale, Jahreskreis, Ethik),
  • und Transzendenzbezug (Verehrung göttlicher Wesen).

Damit erfüllen sie alle wissenschaftlichen Kriterien von Religion, auch wenn sie nicht monotheistisch, nicht dogmatisch und oft dezentral organisiert sind.

Wie Michael York (Pagan Theology: Paganism as a World Religion, 2003) betont, ist das Heidentum „eine Familie religiöser Traditionen“, nicht eine einheitliche Religion. Die Vielfalt polytheistischer, animistischer und naturspiritueller Formen ist geradezu das Charakteristikum dieser religiösen Richtung.

5. Juristische und gesellschaftliche Bedeutung des Begriffs

Auch rechtlich ist die Verwendung des Begriffs Religion zentral:

Nach Artikel 4 des Grundgesetzes (Deutschland) und vergleichbaren Bestimmungen in Europa schützt der Staat die Religionsfreiheit – aber eben nur für das, was als „Religion oder Weltanschauung“ gilt.

Religiöse Gemeinschaften können als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt werden und genießen Steuer-, Bildungs- und Diskriminierungsschutzrechte.

Die Europäische Menschenrechtskonvention (Art. 9) und der UN-Zivilpakt (Art. 18) schützen religiöse Betätigung unabhängig von Mehrheitsmeinungen.

Daher ist es für das Heidentum wichtig, den Begriff Religion aktiv zu beanspruchen.

Wird er nicht verwendet, werden heidnische Gemeinschaften leicht als „Subkultur“, „Esoterikszene“ oder „Philosophie“ abgewertet – Begriffe, die juristisch keinen Schutzstatus haben.

Der Selbstbegriff Religion sichert also gesellschaftliche Sichtbarkeit, Respekt und Rechte.

6. Fazit

„Religion“ ist ein historisch gewachsener Begriff, der ursprünglich rituelle Praxis bezeichnete und erst später zu einem Glaubenssystembegriff wurde. Moderne heidnische Wege sind Religionen im vollen Sinn, da sie Weltdeutung, Kultpraxis und Gemeinschaft verbinden.

Gerade weil der Begriff juristisch und gesellschaftlich Schutz und Anerkennung verleiht, sollte das Heidentum ihn selbstbewusst verwenden – nicht als Unterwerfung unter ein christliches Deutungsmuster, sondern als Zurückeroberung des ursprünglichen Sinns:

Religion als achtsames, verbindendes Verhältnis zum Heiligen und zur Welt.

Quellen und Literatur

  • Cicero: De natura deorum II,72.
  • Lactantius: Divinae institutiones IV,28.
  • Augustinus: De civitate Dei X,3.
  • Emile Durkheim: Les formes élémentaires de la vie religieuse, 1912.
  • Mircea Eliade: Das Heilige und das Profane, 1957.
  • Clifford Geertz: „Religion as a Cultural System“, in The Interpretation of Cultures, 1966.
  • Wouter J. Hanegraaff: New Age Religion and Western Culture, Leiden 1996.
  • Michael York: Pagan Theology: Paganism as a World Religion, New York 2003.
  • Ulrich Berner / Christoph Bochinger (Hg.): Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl. 2005, Art. „Religion“.
  • Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 4.
  • Europäische Menschenrechtskonvention, Art. 9.
  • Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte, Art. 18.

Das evolutionistische Religionsmodell: Entstehung, koloniale Funktion und Kritik

Leider höre ich Teile davon selbst im paganen/heidnischen Kontext. Unsere Ahnen hätten sich Blitz und Donner nicht erklären können, deshalb hätten sie Götter erfunden. Unsere Ahnen hätten vor Angst bei einer Sonnenfinsternis geschlottert. All das ist eher Mittelalter als Antike. Eingeredete Ängste und nicht Primitivheit.

Auch Frazer wird in Heidenkreisen gern unkritisch einfach gelesen und genutzt.

Darum jetzt mal:

Das evolutionistische Religionsmodell: Entstehung, koloniale Funktion und Kritik

1. Einleitung

Das sogenannte evolutionistische Religionsmodell gehört zu den prägenden Denkfiguren des 19. Jahrhunderts. Es entwirft die Vorstellung, Religionen verliefen auf einer einheitlichen Entwicklungslinie: vom „primitiven Animismus“ über Polytheismus hin zum Monotheismus – und schließlich in den modernen Atheismus oder die Wissenschaft. Dieses Modell hat die frühe Religionswissenschaft, Missionspraxis und koloniale Herrschaft gleichermaßen geprägt. Doch schon früh wurde es kritisiert und gilt heute als überholt. Der folgende Aufsatz zeichnet Entstehung, Funktion und Kritik dieses Modells nach.

2. Entstehung und Grundannahmen

Der britische Anthropologe Edward B. Tylor beschrieb in seinem Werk Primitive Culture (1871) den Animismus als „älteste“ Form der Religion. James George Frazer entwarf in The Golden Bough (1890–1915) das Stufenmodell „Magie → Religion → Wissenschaft“. Auguste Comte hatte zuvor in seiner „Drei-Stadien-Lehre“ (1830) eine universale Abfolge von „theologisch → metaphysisch → positivistisch“ behauptet.

Allen Ansätzen gemeinsam war die Vorstellung eines unilinearen Fortschritts: Menschheit und Religion entwickeln sich auf einer Leiter, deren Endpunkt die europäische Moderne sei. Monotheismus galt als „höchste“ Stufe, von der aus der Übergang zum säkularen Atheismus und zur Wissenschaft fast selbstverständlich erschien.

3. Abwertung indigener Religionen

Das Modell ging mit einer massiven Abwertung einher. Indigene Religionen und vorchristliche Traditionen wurden als „primitive Überbleibsel“ eines kindlich-dummen Menschheitszustandes beschrieben. Die Sprache Tylors und Frazers ist durchsetzt von Begriffen wie „savage“ oder „barbaric“. So entstand ein Bild, das die eigenen Vorfahren als „unvernünftig“ und nicht-europäische Völker als „zurückgeblieben“ klassifizierte.

Diese Abwertung erfüllte eine doppelte Funktion: Sie bestätigte den europäischen Monotheismus als „fortschrittlich“ und rechtfertigte zugleich koloniale Überlegenheitsansprüche.

4. Ein koloniales Machtinstrument

Die Forschung hat gezeigt, dass das evolutionistische Modell nicht neutral war, sondern im Kontext westlich-kolonialistischer Herrschaft entstand und eingesetzt wurde.

Mission: Christliche Missionen nutzten die Theorie, um „primitiven Religionen“ ihre Legitimität abzusprechen und deren Ablösung durch den „höheren“ Monotheismus als historische Notwendigkeit zu rechtfertigen.

Koloniale Verwaltung: In Afrika, Indien oder Ozeanien wurden Rituale, Opfer oder religiöse Ämter als „heidnisch“ kriminalisiert. David Chidester (1996) hat gezeigt, wie Religionskategorien als Verwaltungs- und Kontrollinstrument eingesetzt wurden.

Diskursive Macht: Talal Asad (1993) zeigte, dass der Religionsbegriff selbst im europäischen Kontext entstand und in kolonialen Verhältnissen zur Abwertung und Disziplinierung anderer Glaubensformen diente. Tomoko Masuzawa (2005) wies nach, wie die Konstruktion der „Weltreligionen“ das Christentum zur Norm erhob und viele Traditionen zu „Volksglauben“ degradierte.

Das evolutionistische Modell stellte sicher, dass der Westen sich selbst an der Spitze einer angeblich universalen Entwicklung sehen konnte.

5. Die Fortschrittslinie zum Atheismus

Besonders bei Comte und Frazer zeigt sich eine weitere ideologische Stoßrichtung: Der Monotheismus erschien nicht als Endpunkt, sondern als Durchgangsstadium hin zur wissenschaftlichen Weltdeutung. Damit wurde eine direkte Linie vom Monotheismus zum Atheismus gezogen. Auch hier zeigt sich, dass das Modell nicht nur kolonialen, sondern auch inner-europäischen Zwecken diente: die Überwindung von Religion durch die moderne Wissenschaft zu legitimieren.

6. Warum das Modell der Realität nicht entspricht

6.1 Gleichzeitigkeit statt Stufen

Religionsgeschichte zeigt Pluralität, nicht Stufengang. Im Römischen Reich existierten Polytheismus, Ahnenkulte, Philosophie und Mysterien nebeneinander (Rüpke 2018). Auch im Alten Orient oder in Ostasien finden sich parallele Systeme.

6.2 Monotheismus als Ausnahme

Jan Assmann (2003, 2010) hat betont, dass der Monotheismus historisch eine seltene Ausnahme darstellt. Seine Durchsetzung geschah nicht durch „natürliche“ Evolution, sondern durch politische Macht, Mission und Exklusivanspruch – oft begleitet von Gewalt.

6.3 Kritik seit dem 19. Jahrhundert

Schon Franz Boas (1896) kritisierte die unilineare Entwicklungsvorstellung. E. E. Evans-Pritchard (1965) zeigte, dass „primitives Denken“ in sich rational ist. Jonathan Z. Smith (2004) und Peter Harrison (2015) verdeutlichten, dass Kategorien wie „Religion“ und „Wissenschaft“ moderne Konstruktionen sind – das evolutionistische Modell beruht also selbst auf fragwürdigen Begriffen.

6.4 Alternative Ansätze

Robert N. Bellah (2011) entwarf eine religionsgeschichtliche Perspektive, die unterschiedliche Entwicklungen nebeneinander betrachtet: Israel, Griechenland, Indien und China zeigen je eigene Pfade. Damit tritt an die Stelle einer linearen Leiter eine Landkarte vielfältiger Entwicklungen.

7. Fazit

Das evolutionistische Religionsmodell war mehr als ein wissenschaftliches Deutungsmuster – es war ein Machtinstrument. Es diente dazu, indigene Religionen abzuwerten, Kolonialismus zu legitimieren, den christlichen Monotheismus zur Norm zu erklären und schließlich den Atheismus als zwangsläufige Endstufe erscheinen zu lassen.

Die Realität religiöser Geschichte widerspricht dem jedoch: Animismus, Polytheismus und Monotheismus existierten und existieren gleichzeitig. Monotheismus ist die Ausnahme, nicht die Regel – und seine Durchsetzung geschah über Macht und nicht über natürliche Entwicklung. Das evolutionistische Modell ist daher keine empirische Beschreibung, sondern Ausdruck kolonialer Ideologie.

Literatur

  • Asad, Talal: Genealogies of Religion. Baltimore: Johns Hopkins Univ. Press, 1993.
  • Assmann, Jan: Die Mosaische Unterscheidung. München: Hanser, 2003.
  • Assmann, Jan: The Price of Monotheism. Stanford: Stanford Univ. Press, 2010.
  • Bellah, Robert N.: Religion in Human Evolution. Harvard Univ. Press, 2011.
  • Boas, Franz: „The Limitations of the Comparative Method of Anthropology.“ Science 4 (1896).
  • Chidester, David: Savage Systems. Charlottesville: Univ. of Virginia Press, 1996.
  • Comte, Auguste: Cours de philosophie positive. Paris, 1830.
  • Evans-Pritchard, E. E.: Theories of Primitive Religion. Oxford: Clarendon Press, 1965.
  • Frazer, James G.: The Golden Bough. London: Macmillan, 1890–1915 (1922).
  • Harrison, Peter: The Territories of Science and Religion. Chicago: Univ. of Chicago Press, 2015.
  • Masuzawa, Tomoko: The Invention of World Religions. Chicago: Univ. of Chicago Press, 2005.
  • Rüpke, Jörg: Pantheon. A New History of Roman Religion. Princeton: Princeton Univ. Press, 2018.
  • Smith, Jonathan Z.: „Religion, Religions, Religious.“ In: Relating Religion. Chicago: Univ. of Chicago Press, 2004.
  • Tylor, Edward B.: Primitive Culture. London: 1871.