Warum stellen wir hier solche Checklisten zur Verfügung? Weil wir selbst „gefährlich“ sind? Oder „dubios“?

Nein – Fakt ist, dass bei uns organisierte religiöse Gemeinschaften solchen Unterstellungen und Narrativen ausgesetzt sehen. Von jahrzehntealten Kampagnen bis hin zu antipaganem Rassismus einzelner Personen, was sich aber verheerend auswirkt, wenn diese Personen organisatorischen oder medialen Einfluss haben. Diese Erfahrung teilen wir mit zahlreichen anderen religiösen Gruppen, wie wir im interreligiösen Dialog feststellen.

Der andere Punkt ist: Tauchen neue Gruppen auf und wollen sich beteiligen sind Gremien erstmal hilflos und ganz schnell tauchen irgendwelche Broschüren der Kirchen auf oder teils zweifelhafte Medienberichte. Merkwürdigerweise wird kaum auf wissenschaftlich fundierte Methoden zugegriffen oder auf doch allgemein zugängliches Material wie den Verfassungsschutzbericht.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit haben wir hier einige Quellen und Checks aufgelistet, die es gibt. Im Interesse der Gleichbehandlung vor dem Gesetz und der Religionsfreiheit sollten keine einseitig eingefärbten Einschätzungen verwendet werden (man schaue immer ins Impressum! und auf das Erscheinungsjahr).

Auch Begrifflichkeiten sind wichtig: Schon das Wort Sekte selbst ist mehr als umstritten und beinhaltet Wertung. Auch „neue religiöse Gruppe“ hat durch das „neu“ implizit (neu = gefährlich, alt = in Ordnung) und verhindert die Prüfung etablierter Religionen, ob auch sie den Anforderungen von Recht und Gesetz genügen (siehe Missbrauchsfälle).


Was hilft am besten gegen Vorurteile, falsche Narrative, Rassismus (auch im interreligiösen Dialog) und im Miteinander von Religionen, Gesellschaft und Staat?

Unsere Narrative-Checkliste für Entscheider:innen (Förderungen)

  1. Faktenbasis prüfen:
    Stimmt die Annahme – oder ist sie nur oft gehört worden?
  2. Quellenlage klären:
    Kommt das Wissen aus direkten Kontakten?
    Oder aus Medienberichten, Hörensagen, eigenen Vorurteilen?
  3. Pauschalisierungen erkennen:
    Wird eine große Gruppe für das Verhalten einzelner verantwortlich gemacht? Behandeln wir da alle gleich?
  4. Komplexität zulassen:
    Gibt es interne Vielfalt, Strömungen, Differenzen?
    Wird sie berücksichtigt?
  5. Selbstreflexion:
    Welche eigene Erfahrung oder Prägung beeinflusst meine Wahrnehmung?
  6. Vergleichstest:
    Würde ich dieselben Maßstäbe auch auf Mehrheitsreligionen und Kirchen anwenden?
  7. Wirkungsanalyse:
    Welche Wirkung hätte ein unreflektiertes Narrativ – z. B. bei Förderungen, Räumen, Kooperationen?
  8. Betroffene einbeziehen:
    Wurden Vertreter*innen der betroffenen Gemeinschaft einbezogen oder nur über sie gesprochen?

Allgemeine Checklisten-Punkte

Es lassen sich wissenschaftlich folgende Checkliste-Elemente ableiten, mit denen sich eine religiöse bzw. spirituelle Gruppe hinsichtlich möglicher Gefährdung beurteilen lässt:

  1. Führung & Autorität
    • Eine charismatische Einzelperson oder kleine Führungsgruppe mit übermächtiger Kontrolle?
    • Führer*innen werden als absolut wahrhaftig oder unfehlbar dargestellt?
    • Kritik an der Führung wird nicht erlaubt, Beteiligung der Mitglieder an Entscheidungsprozessen gering.
  2. Kontrolle von Mitgliedern
    • Isolation von Mitgliedern von Freunden, Familie, Außenwelt?
    • Kontrolle über Zeit, Geld, Information?
    • Verpflichtung zu umfangreichen Spenden oder intensiver Arbeitsleistung ohne realistische Alternativen.
  3. Informations- und Glaubenskontrolle
    • Der Zugang zu externen Informationen (Medien, Kritik) wird eingeschränkt?
    • Gruppenweisungen: „Nur wir haben die Wahrheit“, „Außenstehende sind falsch/gefährlich“?
  4. Beziehung zur Außenwelt
    • Konfrontation oder Konflikt mit Gesellschaft, Staat, anderen Institutionen?
    • Es wird ein „Wir gegen die Welt“-Narrativ vermittelt?
    • Lebensweise der Gruppe weicht stark ab von üblichen sozialen Normen, ohne transparenten Sinn?
  5. Psychosoziale/psychische Bedingungen
    • Mitglieder weisen häufig erhöhte Vulnerabilität auf (z. B. traumatische Vorgeschichte, soziale Isolation) – im Sinne des biopsychosozialen Ansatzes.
    • Von der Gruppe ausgehende psychische Belastungen – Angst vor Austritt, Schuld-/Scham-Mechanismen.
  6. Strukturelle Bedingungen und Dynamiken
    • Lebensbereiche der Mitglieder (Arbeit, Freizeit, Freunde, Wohnsituation) stark von der Gruppe dominiert?
    • Austritt oder kritische Reflexion stark erschwert oder mit negativen Konsequenzen verbunden?
    • Finanzierung und Ressourcenverteilung undurchsichtig oder stark zentralisiert?
  7. Potenzial für Schaden
    • Gewalt gegen Mitglieder bzw. Dritte, körperliche oder seelische Ausbeutung?
    • Manipulative Inhalte, z. B. systematisch eingesetzte „Uminterpretation der Wirklichkeit“, Manipulation von Informationen oder Emotionen.
    • Risikoverhalten wie Ausschluss aus Familie, finanzielle Ruinierung, Selbstaufgabe.

Einschränkungen und Vorsicht

  • Diese Kriterien machen keine automatische Verurteilung einer Gruppe möglich — sie bieten Hinweise und Risikoindikatoren, keine deterministische Einschätzung.
  • In der Forschung wird darauf hingewiesen, dass Begriffe wie „Sek­te“, „Kult“ oder „gefährlich“ stark wertgeladen sind und leicht zu pauschalen Stigmatisierungen führen können.
  • Es gibt keinen allgemein akzeptierten, vollständig validierten wissenschaftlichen Fragebogen mit fester Schwelle, ab der eine Gruppe „gefährlich“ ist.
  • Die Kontexte (kulturell, rechtlich, sozial) müssen stets mitbedacht werden.

Quellen

  • ICSA – International Cultic Studies Association (Roy/Kent-Modell, biopsychosoziale Analyse)
  • Alexandra Stein (Bindungstheorie & totalitäre Gruppen)
  • Lalich & Tobias (Bounded Choice)
  • BITE-Modell (Steven Hassan)
  • Staatliche Expertisen in der EU
  • Ergänzend: sozialpsychologische Modelle zu Gruppenmacht, Abhängigkeit und Kontrolle

Weitere wichtige Quellen

Verfassungsschutzbericht

Verfassungsschutzbericht 2024

Generaldirektion Studien Arbeitspapier Serie Europa der Bürger W-10: Sekten in Europa

Sekten in Europa – Arbeitspapier

Endbericht Drucksache 13/10950 – Deutscher Bundestag
der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“

1310950.pdf