Warum unsere Mythen zählen – auch wenn die Geschichtsbücher anderes sagen
Viele von uns kennen die Diskussion: „Aber war das wirklich so?“ – „Gab es diesen Hexenkult?“ – „Haben Göttinnenstatuen im Neolithikum tatsächlich unsere Ahninnen verehrt?“ Die historische Forschung ist heute vorsichtig geworden: Viele Geschichten, die uns inspiriert haben, lassen sich archäologisch nicht belegen oder gelten sogar als widerlegt.
Doch hier liegt ein entscheidender Punkt: Religion lebt nicht nur aus Archiven, sondern aus Mythen, Symbolen und Erzählungen, die Sinn stiften.
Alle Religionen erzählen Gründungsgeschichten. Juden erinnern sich an den Exodus, Christ*innen an das Leben Jesu, Muslime an die Offenbarung an Mohammed, Buddhisten an die Erleuchtung des Buddha. In allen Fällen sind Teile historisch schwer überprüfbar – und doch haben diese Mythen ihre jeweilige Religion stark und lebendig gemacht.
Unsere Geschichten erfüllen denselben Zweck. Sie geben uns eine Sprache für Erfahrungen mit Natur, Göttinnen und Göttern, Kreisläufen des Jahres und Wegen der Magie. Sie stiften Identität und Gemeinschaft.
Mythos bedeutet nicht Lüge. Ein Mythos ist eine „Erzählung von Bedeutung“. Er bringt etwas zur Sprache, das in Quellen vielleicht nicht greifbar ist, aber in Ritual und Spiritualität lebendig bleibt.
Wichtig ist, dass wir ehrlich mit unseren Quellen umgehen – also sagen: „Das ist eine inspirierende Erzählung“ statt „das ist ein gesicherter Fakt“. Damit entwerten wir unsere Spiritualität nicht, sondern zeigen Stärke.
Fazit: Auch wenn Historiker*innen Murray oder Gimbutas kritisch sehen – die Mythen, die daraus gewachsen sind, haben uns inspiriert, Wege zu finden, die Natur, die Göttinnen und Götter, und uns selbst neu zu feiern. In diesem Sinn sind sie genauso legitim wie die Gründungsmythen anderer Religionen.

