Immer wieder wird – besonders in rechten Milieus – behauptet, die Fraktur sei die „eigentliche germanische Schrift“, eine Fortsetzung der Runen, erkennbar an den „eckig-kantigen“ Formen der Buchstaben. Ein Blick in die Schriftgeschichte zeigt jedoch: Diese Behauptung ist ein ideologisch motivierter Mythos.
Runen – eine praktische Ritzschrift
Die Runen traten im 2. Jahrhundert n. Chr. im germanischen Kulturraum auf. Sie sind als Zeichen wahrscheinlich erheblich älter, sogar sehr erheblich. Sie waren ein Alphabet, das aus dem Kontakt mit lateinischen und etruskischen Vorbildern hervorging – eine These. Über Runen und deren Ursprung gibt es irgendwann einen eigenen Artikel. Das ist ziemlich komplex…. und keineswegs klar.
Charakteristisch sind die geraden Linien: Sie waren eine praktische Anpassung an das Material. Runen wurden überwiegend in Holz, Stein und Metall geritzt, weshalb runde Formen schwer umsetzbar waren. Das kantige Erscheinungsbild ist also technisch bedingt, nicht Ausdruck eines „Volksgeistes“.
Fraktur – eine Mode der Frühen Neuzeit
Die Fraktur entstand um 1517 aus der Weiterentwicklung der gotischen Textura und der runderen Schwabacher. Sie wurde zunächst in höfischen Drucken genutzt, setzte sich aber bald als wichtigste Druckschrift des deutschsprachigen Raums durch.
Ihr gebrochenes, kantiges Erscheinungsbild resultiert aus der Schreibtechnik mit der Breitfeder: Schräge Federhaltung und rechtwinklige Strichführung führten zu gebrochenen Formen – ein Effekt der Kalligraphie, nicht der Abstammung von Runen.
Keine Linie von Runen zu Fraktur
Zwischen Runen (antikes Alphabet) und Fraktur (neuzeitliche Druckschrift) liegen rund 1300 Jahre. Es gibt keine direkte Entwicklungslinie. Runen verschwanden im Mittelalter aus dem Alltagsgebrauch, während die Fraktur aus der lateinischen Schriftkultur hervorging. Beide Systeme haben verschiedene Ursprünge, Funktionen und Kontexte.
Rechte Mythisierung der „eckigen Schrift“
Nationalistische und rechtsextreme Kreise versuchten seit dem 19. Jahrhundert, eine Verbindung zwischen Runen und Fraktur zu konstruieren:
Eckige Buchstaben galten als „urdeutsch“ und Ausdruck von „Härte“ und „Kraft“.
Runde Antiqua-Buchstaben wurden als „romanisch“ oder „undeutsch“ abgewertet.
Im Nationalsozialismus wurde Fraktur anfangs als „deutsche Schrift“ verherrlicht, bis sie 1941 als „Schwabacher Judenlettern“ verboten wurde – ein Widerspruch, der den ideologischen Charakter solcher Zuschreibungen entlarvt.
Quellenlage
- Albert Kapr: Fraktur. Form und Geschichte der gebrochenen Schriften, Leipzig 1993.
- Henning Krause: Die Schrift der Deutschen. Eine Kulturgeschichte der gebrochenen Typen, Berlin 1993.
- Friedrich Friedlein: Deutsche Schrift – Geschichte und Probleme einer typographischen Tradition, München 1982.
Fazit
Die „rechte These“ von den „eckig-kantigen“ Buchstaben, die Runen und Fraktur in eine Linie stellt, ist ein Konstrukt nationalistischer Ideologien. Historisch betrachtet haben Runen und Fraktur nichts miteinander zu tun. Die eckige Form der Runen entstand aus technischen Gründen, die der Fraktur aus kalligrafischen. Die Behauptung einer „urdeutschen“ Schrifttradition entlarvt sich damit als politischer Mythos, nicht als wissenschaftliche Tatsache.

