Am 1. März beginnt in Bulgarien für viele Menschen nicht einfach ein neuer Monat, sondern eine eigene kleine Jahreszeit: der Frühling „öffnet“ sich symbolisch mit dem Baba-Marta-Tag. „Baba“ bedeutet „Oma“ oder „Großmutter“, und Baba Marta ist die volkstümliche Personifikation des März – als alte, launische Frau, die mit ihrem Gemüt das Wetter lenken kann. Mal mild und sonnig, mal plötzlich wieder frostig: So erklärt die Tradition die sprunghafte Übergangszeit zwischen Winter und Frühling.

Im Zentrum des Tages steht ein Brauch, der in Bulgarien praktisch überall sichtbar ist: das Schenken und Tragen der Marteniza/Martenitsa (bulg. мартеница, Plural мартеници). Das sind kleine Schmuck- oder Glückszeichen aus rot-weißen Fäden – als Armband, Quaste, Anhänger oder als zwei kleine Figuren, häufig als Pizho und Penda (männlich/weiblich) gestaltet. Schon am Morgen des 1. März wünscht man sich gegenseitig: „Čestita Baba Marta“ – sinngemäß: „Eine glückliche Baba Marta“.

Warum Rot und Weiß?

Die beiden Farben tragen die Botschaft des Festes in sich. In vielen Erklärungen steht Rot für Lebenskraft, Gesundheit, Wärme und „rote Wangen“, Weiß für Reinheit, Neubeginn, helles Glück – oder auch „weißes Haar“ im Sinn eines langen Lebens. Entscheidend ist weniger eine einzige „richtige“ Deutung als das gemeinsame Zeichen: Das neue Jahrhalbjahr soll gut beginnen, Körper und Alltag sollen „auf Frühling“ gestellt werden.

Ein Geschenk, das man nicht für sich selbst macht

Typisch ist, dass man die Martenitsi nicht nur kauft oder bastelt, sondern sie vor allem einander schenkt: in der Familie, unter Freundinnen und Freunden, in Schulen, Büros, Nachbarschaften. Dieses gegenseitige Beschenken ist eine Art sozialer Frühjahrsbund: Man zeigt Zugehörigkeit, Aufmerksamkeit und wünscht Schutz und Gedeihen – nicht groß und feierlich, sondern leicht, alltagstauglich und doch bedeutungsvoll.

Wie lange trägt man eine Martenitsa?

Die Martenitsa bleibt nicht den ganzen März über am Handgelenk. Man trägt sie traditionell bis zum ersten eindeutigen Frühlingszeichen: etwa bis man einen Storch oder eine Schwalbe sieht oder bis der erste Baum blüht. Dann wird sie abgenommen und häufig an einen Zweig gebunden – als sichtbare „Übergabe“ des Glückswunsches an die wachsende Natur. Mancherorts legt man sie auch unter einen Stein und deutet später, was man darunter findet (zum Beispiel Insekten als Zeichen für ein gutes Jahr) – Bräuche, die lokal variieren und vor allem als Frühlingssymbolik verstanden werden.

Baba Marta als Wettermacht und Jahreszeitenfigur

Die Figur der Baba Marta macht aus dem Monat März eine Beziehung: Man begegnet dem Wetter nicht nur als meteorologischer Tatsache, sondern als etwas, das Stimmung, Respekt und Umgang fordert. In volkstümlichen Erzählungen wird Baba Marta milder, wenn Menschen freundlich sind, sich ordentlich verhalten oder wenn sie durch die Martenitsi „besänftigt“ wird. Das ist natürlich keine naturwissenschaftliche Erklärung – aber eine kulturelle: Sie übersetzt den unzuverlässigen Frühling in eine Erzählfigur, die man ansprechen, grüßen und „gnädig stimmen“ kann.

Von Bulgarien aus – und doch größer als ein Land

Obwohl Baba Marta besonders stark mit Bulgarien verbunden ist, gehört die Grundidee – rote und weiße Fäden zum Frühlingsbeginn – zu einem weiteren südosteuropäischen Kulturraum. In Rumänien und Moldau heißt die Tradition etwa Mărțișor, in Nordmazedonien sind verwandte Formen ebenfalls bekannt. Die UNESCO fasst diese Praktiken als „Cultural practices associated to the 1st of March“ zusammen und hat sie als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Damit wird sichtbar: Es handelt sich nicht nur um Folklore „für Touristinnen und Touristen“, sondern um eine lebendige, alljährliche Praxis, die Gemeinschaft stiftet.

Baba Marta heute: Alltag, Identität, Diaspora

In modernen Städten Bulgariens ist der 1. März auch ein sehr praktischer Tag: Straßenstände verkaufen Martenitsi, Schulen basteln, Firmen verschenken kleine Fäden an Mitarbeitende. Zugleich ist der Tag für viele Bulgaren im Ausland ein Identitätsanker. Kulturinstitute und Vereine feiern Baba Marta, weil das Ritual leicht mitzunehmen ist: Ein Stück Faden genügt – und doch hängt daran Heimat, Sprache, Beziehung.

So ist Baba Marta im Kern ein Fest, das nicht viel „fordert“, aber viel „gibt“: einen freundlichen Grund, sich etwas zu wünschen, sich gegenseitig zu sehen und den Frühling nicht nur als Datum, sondern als gemeinsamen Übergang zu markieren.