Woher kommt dieser Sprachgebrauch?

Ich greife mal diese Frage auf, die mir bei der langen Nacht der Religionen einmal gestellt wurde und betrachte sie mit mehreren Aspekten:

1. Hintergrund: „Werk“ und „Great Work“ in Alchemie und Hermetik

Schon in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Alchemie wird der gesamte alchemische Prozess als magnum opus – das Große Werk bezeichnet. Damit ist sowohl die Arbeit im Labor gemeint als auch die innere spirituelle Umwandlung des Alchemisten.
Die neuere Hermetik übernimmt diesen Begriff: In hermetischen und esoterischen Texten wird das Great Work zur Bezeichnung des gesamten spirituellen Weges – der inneren Läuterung und Vereinigung mit dem Göttlichen.
Wenn man spirituellen Weg = „Werk“ denkt, liegt es nahe, jede konkrete Praxis als „work“ zu betrachten: Meditation, Rituale, Invokationen sind „magical work“.
Im 19. Jh. greift der französische Okkultist Éliphas Lévi alchemistische Bilder vom „Werk“ auf und deutet sie explizit als inneres, spirituelles Ziel. Seine Schriften werden zur Grundlage für die Hermetic Order of the Golden Dawn, die den Begriff Great Work bewusst aus der Alchemie übernimmt und damit den Pfad spiritueller Entwicklung und die Praxis von Ritualmagie bezeichnet.

2. Wicca & moderner Paganismus: „mit Göttern arbeiten

Im angelsächsischen modernen Paganismus – besonders in Wicca und den davon beeinflussten Hexenpfaden – taucht dann die Formulierung „to work with a deity“ auf: man „arbeitet mit Hekate“, „arbeitet mit Loki“, „arbeitet mit XY in der Magie“.
In der eigenen Szene wird oft explizit gesagt, dass dieser Ausdruck aus Wicca/hexenmagischen Kontexten stammt; z. B. bemerken rekonstruierende Hellenist:innen, dass „working with the gods“ eigentlich kein traditionell-hellenistischer Begriff ist, sondern aus Wicca/modern witchcraft importiert wurde.
In diesem Umfeld bedeutet „mit Göttern arbeiten“ meist:
– man ruft eine Gottheit bewusst für Magie oder Orakel an
– man versteht die Beziehung halb kooperativ, halb vertraglich („ich tue X, du hilfst bei Y“)
– und man grenzt es manchmal von reiner Verehrung ab („worship“ vs. „work with“).

3. Direkte Übersetzung ins Deutsche

Der deutsche Sprachgebrauch „Ritual-Arbeit“, „magische Arbeit“, „mit Göttern arbeiten“ ist ziemlich eindeutig eine Lehnübersetzung aus diesem englischen Umfeld:
– „work“ → „Arbeit“
– „magical work“ → „magische Arbeit“
– „to work with a deity“ → „mit einer Gottheit arbeiten“.
Dazu kommt, dass im deutschsprachigen Esoterikbereich seit den 1980ern/90ern sowieso viel von „Energiearbeit“, „Lichtarbeit“ usw. geredet wird – also ein genereller Trend, spirituelle Praxis als „Arbeit“ zu framend. Viele Wicca-, Crowley-, Chaosmagie- und New-Age-Texte sind in dieser Zeit übersetzt worden; es liegt sehr nahe (auch wenn ich keine einzelne „Erstverwendung“ belegen kann), dass der Ausdruck über diese Übersetzungen in die Szene gekommen ist.

4. Warum „Arbeit“ und nicht „Gebet“ oder „Kult“?

Die Wortwahl hat mehrere Effekte:

1. Betonung von Aufwand und Disziplin
„Work“ signalisiert: Das ist etwas, das Zeit, Konzentration, Wiederholung braucht – eher wie Training oder Handwerk als wie eine einmalige Bitte.

2. Selbstermächtigung statt reines Bitten
Im Gegensatz zu „beten“ („bitten“) klingt „arbeiten“ aktiver und weniger hierarchisch: Ich tue etwas gemeinsam mit der Gottheit, ich bin nicht nur Bittsteller:in.

3. Anschluss an Alchemie/Hermetik
Wer von „Work“/„Werk“ spricht, stellt sich bewusst in die Linie des magnum opus / Great Work, also der hermetischen Tradition.

4. Säkular-kompatible Sprache
In einer säkularen Umgebung klingt „Arbeit“ oft weniger religiös als „Gebet“, „Anbetung“, „Liturgie“. Für viele moderne Hexen/Pagans ist das anschlussfähiger.

Genau diese Sprache wird in Teilen der rekonstruierenden Polytheismen auch kritisiert: Manche Hellenist:innen oder Asatru empfinden „mit Göttern arbeiten“ als zu utilitaristisch, weil es klingt, als würden Götter wie Werkzeuge im Ritual benutzt, statt dass man ihnen dient und sie verehrt.
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Das spiegelt einen realen kulturellen Unterschied:

Traditionelle Kultsprache: Opfer bringen, verehren, dienen.

Modern magische Sprache: arbeiten, manifestieren, energetisch wirken