Pantheon Berlin e.V.

Verein für interreligiöse Bildung und Zusammenarbeit

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Die Form von Kipferl und Croissant – religiös begründet?

Wenn wir Croissants und Vanillekipferl anschauen, sehen wir zuerst nur zwei sehr verschiedene Gebäcke – das eine buttrig-blättrig, das andere mürbe und mit Vanillezucker bestäubt. Doch beide tragen denselben uralten Gedanken in sich: die Form des Halbmondes. Die Geschichte dieser Form ist deutlich älter als jede Wiener Bäckerei und älter auch als die beliebte Erzählung von den „türkischen“ Hörnchen.

Das Croissant, wie wir es heute kennen, ist eine französische Erfindung – aber mit österreichischem Stammbaum. In der französischen Bäckersprache gehört es zur „Viennoiserie“, also zu jenen Gebäcken, die ihren Ursprung in Wien haben. Sein unmittelbarer Vorläufer ist das Kipferl, ein österreichisches Halbmondgebäck, das seit dem Mittelalter belegt ist und zunächst eher einem einfachen, oft süß angereicherten Weizenbrötchen ähnelte als der filigranen Blätterteigspirale von heute.

Im 19. Jahrhundert brachten Wiener Bäcker ihre Spezialitäten nach Paris. Eine „Boulangerie viennoise“ in der Rue de Richelieu machte Kipferl und andere österreichische Gebäcke in der französischen Hauptstadt so populär, dass französische Kollegen begannen, sie nachzuahmen und weiterzuentwickeln. Aus dem eher kompakten Kipferlteig wurde ein laminierter, also immer wieder mit Butter gefalteter und ausgerollter Teig. So entstand der mürbe, schichtige Charakter des Croissants. Der Name lag auf der Hand: „croissant“ – der zunehmende Mond, die Mondsichel, die sich im Gebäck wiederfindet.

Rund um diese halbmondförmige Gestalt haben sich im 19. und 20. Jahrhundert farbige Geschichten gebildet. Besonders beliebt ist die Legende, das Kipferl sei während der Zweiten Türkenbelagerung Wiens 1683 erfunden worden. Wachende Bäcker hätten die osmanischen Belagerer beim Graben von Tunneln bemerkt, Alarm geschlagen und anschließend zur Feier des Sieges Gebäck in Form der osmanischen Mondsichel gebacken – als essbare Verspottung des Gegners. In vielen Varianten dieser Erzählung wird das Kipferl direkt mit dem Halbmond auf den Fahnen des Osmanischen Reiches verknüpft, und das Croissant erbt diese Deutung dann gewissermaßen mit.

Historisch belastbar ist diese schöne Geschichte allerdings nicht. Zeitgenössische Quellen fehlen, und wir wissen, dass Kipferl schon lange vor 1683 erwähnt werden – etwa in Urkunden des 12. Jahrhunderts und in Belegen aus dem österreichischen Raum des 17. Jahrhunderts. Seriöse Nachschlagewerke und neuere kulturhistorische Studien betonen deshalb, dass der Zusammenhang mit dem „türkischen Halbmond“ eine später nachgetragene Deutung ist, keine nachweisbare Entstehungsursache.

Die Vanillekipferl, die wir heute vor allem mit Advent und Weihnachten verbinden, stehen in derselben Tradition. Sie sind ein Kind der mitteleuropäischen Backkultur, besonders des Wiener und süddeutschen Raums, und entwickelten sich im 18. und 19. Jahrhundert aus der allgemeinen Kipferlform: kleiner, mürber, aus einem fettreichen Mürbteig mit Nüssen im Teig und Vanillezucker als charakteristischer Aromaträger. Die Form blieb dieselbe – eine deutlich gebogene Sichel – und damit blieb auch das Feld offen für Deutungen.

So wurde die bekannte Türkenlegende einfach auf die Vanillekipferl übertragen: Wieder erzählt man von einem Wiener Bäcker, der nach überstandener Belagerung halbmondförmige Gebäckstücke buk, diesmal als kleine Kekse. In populären Artikeln und Kindertexten werden Vanillekipferl daher oft direkt mit den osmanischen Mondsicheln verbunden. Historisch nachweisen lässt sich aber auch hier vor allem eines: Die Legende ist jung, das Gebäck selbst hat ältere Wurzeln, und die Form stammt aus der Kipferltradition, nicht aus einem spontanen Einfall zum Spott über die Türken.

Dass das Motiv des Halbmondes überhaupt so anschlussfähig ist, liegt an seiner langen Symbolgeschichte. Halbmond- oder sichelförmige Brote und Kuchen sind bereits in der Antike belegt; in der Forschung werden sogenannte panes lunati, „Mondbrote“, erwähnt, die vermutlich bei Festen zu Ehren von Mondgottheiten dargebracht wurden. Neuere populärwissenschaftliche Darstellungen greifen diese Hinweise auf und verweisen darauf, dass man halbmondförmige Brote als Opfer für die griechische Mondgöttin Selene gedeutet hat – wenngleich die direkte Verbindung zu unseren heutigen Backwaren vorsichtig zu behandeln ist. Sicher ist: Die Form des Mondes gehört zu den ältesten religiösen und ornamentalen Motiven überhaupt und taucht auch in der europäischen Backkultur immer wieder auf, lange bevor das osmanische Reich zur Projektionsfläche wird.

So ergibt sich ein doppeltes Bild: Auf der einen Seite steht eine sehr reale, handwerkliche Traditionslinie, die vom mittelalterlichen Kipferl über die Wiener Backstuben bis zu den Pariser Croissants und den Weihnachts-Vanillekipferln reicht. Auf der anderen Seite stehen Deutungen und Mythen, die politische Ereignisse – wie die Türkenbelagerungen – symbolisch in diese Gebäckform hineinlesen und sie mit nationalen oder religiösen Bedeutungen aufladen. Die Form selbst ist älter als diese Geschichten und verdankt sich eher einer Mischung aus Praktikabilität, Ästhetik und einer uralten Symbolik des Mondes als einem einzigen historischen „Erfindungsmoment“.

Wenn wir heute ein Croissant zum Frühstück essen oder in der Adventszeit Vanillekipferl aus der Dose naschen, beißen wir also in mehr als nur Butter, Mehl und Zucker. Wir haben ein Stück Kulturgeschichte vor uns: ein Gebäck, das aus der mittelalterlichen Halbmondform des Kipferls hervorgegangen ist, das in Paris eine neue Teigtechnik und einen neuen Namen erhalten hat und das von Legenden um Belagerungen, Siege und Spott auf den Halbmond begleitet wird, ohne dass diese Legenden seine tatsächliche Herkunft bestimmen. Die Formen bleiben, die Geschichten verändern sich – und doch erzählen beide zusammen davon, wie tief Bilder wie der Mond in unserem kollektiven Gedächtnis verankert sind.


Quellen (Auswahl)
Wikipedia-Artikel „Croissant“ und „Kipferl“Wikipedia+1
Smithsonian Magazine, „Is the Croissant Really French?“smithsonianmag.com
Europeana, „The history of the croissant“Europeana
Haubis, „Das Kipferl – Gebäck mit Geschichte“haubis.com
Fachartikel „Das Wiener Kipferl: Zum Symbolwert eines Gebäcks“researchgate.net
Blog- und Pressebeiträge zur Geschichte der Vanillekipferl (MeinCupcake, Vienna.at, Kleine Kinderzeitung)

Warum gibt es in paganen Ritualen meist keine „Zuschauer“?

In vielen paganen Traditionen gibt es keine klare Trennung zwischen denjenigen, die ein Ritual leiten, und denjenigen, die daran teilnehmen. Diese Form gemeinschaftlicher Spiritualität hat zur Folge, dass es bei paganen Ritualen in der Regel keine Zuschauer gibt. Alle Anwesenden werden zu einem Teil des Geschehens – und genau darin liegt ein grundsätzlicher Unterschied zu liturgischen Formen, die zwischen „Zelebranten“ und „Gemeinde“ unterscheiden, oder zu modernen Aufführungsformaten, in denen Menschen Konsumentinnen und Konsumenten sind.

Paganes Ritualverständnis geht davon aus, dass ein heiliger Raum nur gemeinsam entsteht. Das bedeutet: Er wird nicht allein durch die Worte oder Gesten einer rituell ausgebildeten Person getragen, sondern durch die bewusste Teilnahme aller Anwesenden. Präsenz, Aufmerksamkeit, Atmung, Gesang, Gebet, Gesten, das Mitvollziehen von Wegschritten – all das bildet ein lebendiges Netz, das den rituellen Raum hält. Wer lediglich zuschaut, bleibt außerhalb dieses Wirkraumes, und würde dessen Energie und Fokus eher schwächen als stützen.

Damit verbunden ist die Vorstellung, dass es in vielen paganen Wegen kein exklusives Priestertum gibt, das stellvertretend handelt. Zwar existieren Leitfiguren wie Priester*innen, Goden oder Druiden, doch ihre Rolle ist die der Anleitung, nicht der exklusiven spirituellen Handlung. Paganes Ritual ist immer eine gemeinschaftliche Praxis, in der jede Person eine aktive Funktion erfüllt – selbst dann, wenn diese Rolle nur darin besteht, bewusst anwesend zu sein und die eigene Intention in den Kreis einzubringen.

Ein weiterer Grund liegt in der Natur paganer Ritualarbeit selbst. Rituale sind hier keine Aufführungen, keine Darstellungen eines mythischen Stoffes, keine religiöse „Show“. Sie sind Erfahrungsräume, in denen spirituelle Bedeutung erst durch das Tun entsteht: durch das Rufen der Elemente, das Hineintreten in den Kreis, das Darbringen von Gaben, das Sprechen von Segensworten, das gemeinsame Atmen, das Aufbauen und wieder Entlassen von Energie. Wer nur zusieht, bleibt außerhalb dieses Erfahrungsprozesses – und erlebt nicht, was das Ritual eigentlich ausmacht.

In vielen Richtungen wird zudem davon ausgegangen, dass jede anwesende Person ihre ganz eigene Energie und Intention in den Kreis einbringt. Dadurch entsteht die Kraft, die ein Ritual trägt. Wer ohne rituelle Beteiligung anwesend ist, bringt keine passende Intention ein – oder im schlimmsten Fall sogar eine ablenkende. Daher ist es in vielen Traditionen üblich, die Teilnahme bewusst zu gestalten und reine Zuschauer nicht in den inneren Kreis zu lassen.

Schließlich spielt auch der historische Hintergrund eine Rolle. Viele vorchristliche Kulturen kannten keine Publikumssituation bei religiösen Handlungen. Rituale waren gemeinschaftliche Akte – auch wenn sie von bestimmten Personen geleitet wurden, blieben sie integraler Bestandteil des sozialen und religiösen Lebens. Die Idee einer spirituellen Handlung, die von einigen wenige durchgeführt und von vielen beobachtet wird, ist eher ein Produkt späterer Religionsgeschichte oder moderner Theaterkultur und nicht typisch für polytheistische und naturreligiöse Traditionen.

So entsteht ein Ritualverständnis, das auf Gleichwertigkeit, gemeinsamer Verantwortung und unmittelbarer Erfahrung beruht. Paganes Ritual ist etwas, das miteinander geschaffen und erlebt wird. Jede Person im Kreis trägt ihren Teil dazu bei, dass sich ein geschützter, kraftvoller und bedeutungsvoller Raum öffnet. Darum gibt es in paganen Ritualen keine Zuschauer – nur Beteiligte.

Ausführliche Fachkritik an typisch anti-paganer Darstellung

Analyse des Artikels „Paganismus“ im „Metzler-Lexikon Religion“

Quelle: Paganismus | SpringerLink

Der Text lässt sich gut als Produkt einer bestimmten, älteren religionswissenschaftlichen Perspektive einordnen: Er beschreibt zwar zutreffend, dass „pagan“ historisch als abwertender christlicher Fremdbegriff verwendet wurde, übernimmt aber genau diese Blickrichtung und blendet neuere Forschung sowie pagane Selbstdeutungen weitgehend aus. So entsteht ein stark christozentrischer Rahmen, der in seiner Wirkung ein paganen-feindliches Deutungsmuster reproduziert.

Im Folgenden die wichtigsten Kritikpunkte.


1. Reduktion des Begriffs „paganus“ auf das Klischee vom unzivilisierten Landbewohner

Der Text wiederholt die bekannte These, in der Spätantike seien „noch nicht christianisierte Landbewohner, Dörfler und Bauern“ mit pagani bezeichnet worden. Diese Erklärung war zwar lange verbreitet, wird in der neueren Forschung aber deutlich differenzierter gesehen.

Philologisch ist paganus zunächst ein sozial-räumlicher Begriff („zum pagus gehörig, Dorfbewohner“) und zugleich ein militärischer („Zivilist“ im Gegensatz zum miles). Erst im 4.–5. Jahrhundert gewinnt er in christlichen Kontexten die Bedeutung eines religiösen Gegenbegriffs zu „Christ“. Die verbreitete Gleichsetzung „pagan = ländlich zurückgebliebener Heide“ ist damit selbst ein Produkt christlicher Polemik und sozialer Herabsetzung – also gerade jener Diskurse, die der Text zwar benennt, dann aber weitgehend unreflektiert als neutralen Sachverhalt wiedergibt.

Schon in der Formulierung „noch nicht christianisierte Landbewohner“ steckt das christliche Fortschrittsnarrativ, nach dem das Christentum die Norm ist und Nicht-Christen den Defizitfall darstellen. Eine moderne begriffsgeschichtliche Darstellung würde dagegen deutlich betonen,

  • dass der „Landbewohner-Topos“ Teil eines christlichen Stereotyps ist und nicht einfach nüchterne Sozialbeschreibung,
  • dass der militärische Sprachgebrauch („Zivilist“ vs. „Soldat Christi“) für das Verständnis des Begriffs ebenso wichtig ist,
  • und dass die Verbindung von sozialer, militärischer und religiöser Bedeutung das Ergebnis eines spezifisch christlichen Deutungsprozesses ist.

Der Text stellt hingegen eine umstrittene, historisch belastete christliche Deutung als sachliche Begriffsgeschichte dar und trägt damit das alte Abwertungsmuster fort.


2. Negativdefinition über die „christlichjüdische Tradition“ und Ausblendung paganer Selbstdeutungen

Im Kern wird „pagan“ so definiert, dass es religiöse Formen bezeichnet, „die nicht im Zusammenhang der christlichjüdischen Überlieferung“ stehen oder diesen Kontext ablehnen. Paganismus erscheint damit ausschließlich negativ – als das, was „nicht christlichjüdisch“ ist. Eigene positive Inhalte paganer Religiosität – etwa Theologie, Ritualpraxis oder Ethik – bleiben unsichtbar.

Diese Negativdefinition widerspricht neueren Ansätzen in den Pagan Studies. So schlagen etwa Michael York und andere vor, Paganismus als Oberbegriff für Traditionen zu verstehen, die durch Polytheismus, Animismus, eine positive Haltung zur Leiblichkeit und eine diesseitig ausgerichtete Religiosität gekennzeichnet sind – unabhängig davon, ob sie von christlichen Autoren jemals „pagan“ genannt wurden. Graham Harvey beschreibt „contemporary Paganism“ vor allem über positive Merkmale: eine als heilig verstandene Natur, rituelle Kreativität, Alltags-Sakramentalität und Beziehungsorientierung.

Die seit den 1990er Jahren entstehende Paganforschung geht gerade von der Einsicht aus, dass moderne pagane Religionen nicht länger nur als „Nicht-Christentum“ konstruiert werden dürfen, sondern mit denselben methodischen Standards zu analysieren sind wie Christentum, Islam oder Buddhismus.

Auch der Begriff „christlichjüdische Tradition“ ist problematisch. Historisch ist „judeo-christian“ eine relativ junge politische Formel des 19./20. Jahrhunderts, die reale theologische Konflikte und eine lange Geschichte christlichen Antijudaismus überdeckt und häufig dazu dient, eine imaginierte „westliche Wertegemeinschaft“ von „anderen“ (etwa dem Islam oder säkularen Positionen) abzugrenzen. Wenn der Text Paganismus ausschließlich als Gegenpol zu dieser ohnehin ideologisch geladenen Konstruktion beschreibt, übernimmt er unkritisch die Grenzziehung, die heidnische Religionen seit der Spätantike an den Rand gedrängt hat. Das ist keine neutrale Beschreibung, sondern eine Wiederaufnahme des alten Freund-Feind-Schemas in wissenschaftlicher Sprache.


3. Verzerrtes Bild moderner paganer Religionen: Fokus auf Nativismus und „vermeintliche“ Traditionen

Besonders deutlich wird die Einseitigkeit im Abschnitt zu Paganismus/Neopaganismus. Dort heißt es, beide Begriffe bezögen sich auf Bewegungen, die sich „ihrem Eigenverständnis nach“ in Gegensatz zur „christlichjüdischen Tradition“ setzen und auf „vermeintlich vorchristlich-indigene“ Elemente zurückgreifen: Nativismus-Ideologien, „Zurück-zur-Natur“- und Ökologie-Bewegungen, Gruppen mit „vermeintlich urzeitlichen“ germanischen oder keltischen Traditionen oder einer rein antichristlichen Haltung.

Darin liegen gleich mehrere Verzerrungen:

  1. Überbetonung von Nativismus und Nationalismus
    Es ist unbestritten, dass es neuheidnische Strömungen gibt, die mit völkischem Nationalismus, ethnischer Ideologie oder nativistischen Konzepten verknüpft sind – etwa Teile des slawischen Rodnovery oder bestimmte rechtsextreme Varianten germanischen Neuheidentums. Die Forschung zeigt aber ebenso deutlich, dass diese Strömungen nur einen Ausschnitt eines sehr breiten Spektrums bilden. Die Standardliteratur zu Wicca, Goddess-Spiritualität, Druidentum, Reclaiming, Ásatrú und verwandten Bewegungen beschreibt überwiegend Milieus, die eher mit Feminismus, Umweltschutz, basisdemokratischen Experimenten und pluralistischen Religionsmodellen verknüpft sind. Überblickswerke und Sammelbände machen deutlich, dass moderne paganische Religionen in vielen Ländern demokratisch organisiert sind, rechtliche Anerkennung genießen und am interreligiösen Dialog teilnehmen. Der Text blendet diese Breite fast vollständig aus und zeichnet Paganismus vor allem als ideologisch verdächtige Randerscheinung.
  2. „Vermeintlich“ als pauschale Delegitimierung
    Wenn von „vermeintlich vorchristlich-indigenen“ oder „vermeintlich urzeitlichen“ Traditionen die Rede ist, wird eine berechtigte historische Kritik in eine generelle Abwertung umgelenkt. Dass viele neuheidnische Strömungen ihre historischen Wurzeln idealisieren und Kontinuitäten behaupten, die empirisch so nicht haltbar sind, ist gut belegt – Ronald Hutton hat etwa überzeugend gezeigt, dass Wicca keine direkte Fortsetzung eines vormodernen Hexenkults ist, sondern eine Religion des 20. Jahrhunderts. Seriöse Forschung verbindet diese Entzauberung von Traditionsbehauptungen jedoch fast immer mit der Anerkennung, dass es sich gleichwohl um eigenständige, religiös kreative Bewegungen handelt. „Erfundene Traditionen“ im Sinne Eric Hobsbawms finden sich in fast allen Religionen – von christlichen Weihnachtsbräuchen über nationale Mythen bis zu modernen buddhistischen Reformen. Der hier kritisierte Text markiert „vermeintliche“ Traditionen jedoch ausschließlich beim Paganismus und erzeugt so den Eindruck, gerade pagane Religionen seien besonders uneigentlich, künstlich oder ideologisch konstruiert. Das ist ein klassisches Muster paganen-feindlicher Darstellung.
  3. Reduktion auf Anti-Christentum statt positive Selbstbeschreibung
    Die Behauptung, diese Bewegungen stellten sich „ihrem Eigenverständnis nach“ vor allem in den Gegensatz zur „christlichjüdischen Tradition“, verzerrt die empirische Lage. Viele Pagane definieren sich nicht primär als Gegenbewegung, sondern über positive Inhalte: Naturspiritualität, Polytheismus, animistische Weltbilder, rituelle Arbeit mit Jahreskreisfesten, bestimmte Verständnisse von Körperlichkeit, Geschlecht, Gemeinschaft und Verantwortung für mehr-als-menschliche Welten. Natürlich gibt es ausdrücklich antichristliche Strömungen, etwa dort, wo Menschen persönliche Traumata durch Kirchenmissbrauch oder fundamentalistische Erziehung verarbeiten. Aber die pauschale Aussage, gerade dies sei das „Eigenverständnis“ von Paganismus und Neopaganismus, ignoriert die Vielfalt der Selbstaussagen und spricht erneut über Pagane, statt ihre eigenen Stimmen ernst zu nehmen.

4. Ignorierte Forschung zur sozialen Realität modernen Heidentums

Zum Entstehungszeitpunkt des Textes lagen bereits zahlreiche ethnographische und soziologische Studien über neuheidnische Gruppen vor, auch im deutschsprachigen Raum. Arbeiten von Margot Adler, Helen Berger, Michael Strmiska, Jenny Blain, Sabina Magliocco und anderen zeigen die soziale Differenziertheit moderner paganer Szenen und die Komplexität ihrer internen Debatten – etwa zu Rassismus, Gender, Rekonstruktion vs. Eklektizismus und politischer Positionierung.

Für Deutschland liegen u.a. detaillierte Feldstudien von Sebastian Krebel und René Gründer vor, die unterschiedliche Strömungen wie Wicca, Ásatrú, germanisches Neuheidentum, Frauenspiritualität und andere untersuchen. Diese Studien weisen nach, dass

  • modernes Heidentum sozial breit gestreut ist (von akademisch gebildeten Städterinnen bis zu Handwerkerinnen, von links-ökologisch bis konservativ),
  • pagane Gruppen über ausgeprägte interne Reflexions- und Kritikdiskurse verfügen,
  • und sich weder auf nationalistische Varianten noch auf stereotype „Zurück-zur-Natur“-Romantik reduzieren lassen.

Der Text ignoriert diese Forschung weitgehend und knüpft damit implizit an ältere christliche Apologetik und sektologische Polemik an. In der Folge verfestigt er ein Bild, in dem Pagane vor allem Objekte christlicher Bewertung bleiben und nicht als eigenständige religiöse Akteure erscheinen.


5. Ausblendung der demographischen und rechtlichen Realität

Religionssoziologisch zeichnet der Text ein überholtes Bild. Bereits um die Jahrtausendwende sprechen Studien von mehreren Millionen Anhänger*innen neuheidnischer Religionen weltweit; Wicca und verwandte Strömungen gelten in manchen Ländern als zahlenmäßig bedeutsame religiöse Minderheiten. Michael York und andere argumentieren, dass Paganismus – in einem weiteren, typologischen Sinn – heute zu den relevanten „Weltreligionsfamilien“ gezählt werden kann.

Zugleich wird in der Forschung hervorgehoben, dass pagane Religionen in pluralen Demokratien zunehmend

  • öffentlich sichtbar sind,
  • rechtlich als Religionsgemeinschaften anerkannt werden,
  • in interreligiösen Gremien vertreten sind,
  • und in der Religionswissenschaft als legitime Forschungsgegenstände etabliert wurden.

Das vom Text entworfene Bild einer randständigen, kulturell defizitären „Zurück-zur-Natur“- oder Nativismusbewegung wird dieser Lage nicht gerecht. Es unterschlägt die Konsolidierung paganer Religionen als normaler Bestandteil religiöser Pluralität.


Fazit

In der Zusammenschau ergibt sich ein deutliches Urteil:

  • Der Text benennt zwar den polemischen Gebrauch von „pagan“ in der christlichen Tradition, übernimmt diesen aber weitgehend und wiederholt soziale und kulturelle Stereotype, statt sie kritisch zu analysieren.
  • Er definiert Paganismus ausschließlich negativ als „Nicht-Christentum“ bzw. Gegenpol zur „christlichjüdischen Tradition“ und blendet damit systematisch die positiven Selbstbeschreibungen paganer Religionen aus.
  • Moderne pagane Bewegungen werden einseitig über Nativismus, vermeintliche Kulturdefizite und Anti-Christentum typisiert; ihre empirisch nachweisbare Vielfalt, ihre inneren Debatten und ihre religiöse Kreativität bleiben unsichtbar.
  • Umfangreiche internationale und deutschsprachige Forschung zu modernem Heidentum findet keine Berücksichtigung, sodass Pagane weiterhin vor allem als Objekte christlicher Abgrenzung erscheinen.

Gerade durch diese Kombination entsteht ein deutlich einseitiges und in der Wirkung paganen-feindliches Narrativ: Paganismus wird nicht als gleichwertige religiöse Option in einer pluralen Gesellschaft dargestellt, sondern als abweichende, defizitäre und ideologisch problematische Größe, deren Selbstdeutungen von vornherein als „vermeintlich“ abqualifiziert werden. Eine aktuelle, wissenschaftlich balancierte Darstellung müsste demgegenüber sowohl die historische Belastung des Kampfbegriffs „pagan“ als auch die emische Vielfalt und Legitimität moderner paganer Religionen sichtbar machen – und Pagane nicht länger nur durch das Auge der christlich geprägten Mehrheitskultur betrachten.


Quellen (Auswahl)

  • Adler, Margot: Drawing Down the Moon. Witches, Druids, Goddess-Worshippers, and Other Pagans in America Today. Rev. ed. New York 2006.
  • Berger, Helen A.: A Community of Witches. Contemporary Neo-Paganism and Witchcraft in the United States. Columbia, SC 1999.
  • Blain, Jenny: Nine Worlds of Seid-Magic. Ecstasy and Neo-Shamanism in North European Paganism. London/New York 2002.
  • Gründer, René: Germanisches (Neu-)Heidentum in Deutschland. Eine religionsethnologische Studie. Bielefeld 2010; sowie weitere einschlägige Aufsätze.
  • Harvey, Graham: Contemporary Paganism. Listening People, Speaking Earth. 2. Aufl. New York 2007.
  • Hobsbawm, Eric / Ranger, Terence (Hg.): The Invention of Tradition. Cambridge 1983.
  • Hutton, Ronald: The Triumph of the Moon. A History of Modern Pagan Witchcraft. Oxford 1999.
  • Krebel, Sebastian: Modernes Heidentum in Deutschland. Ethnographische Erkundungen einer religiösen Landschaft. (Dissertation; diverse Aufsätze).
  • Magliocco, Sabina: Witching Culture. Folklore and Neo-Paganism in America. Philadelphia 2004.
  • Strmiska, Michael F. (Hg.): Modern Paganism in World Cultures. Comparative Perspectives. Santa Barbara 2005.
  • York, Michael: Pagan Theology. Paganism as a World Religion. New York 2003.
  • Zur Entstehung und politischen Verwendung des Begriffs „judeo-christian tradition“ siehe etwa: Greenberg, Udi: The Weimar Century. German Émigrés and the Ideological Foundations of the Cold War. Cambridge 2015; diverse Aufsätze zur Begriffsgeschichte.

Zitate aus den „Lehren des Šuruppak“

Zitate aus den „Lehren des Šuruppak“ (Auswahl), Mesopotamien, um 2.000 bis 3.000 v.u.Zt.

„Mein Sohn, sage Wahres und handle aufrichtig.“

(Šuruppak, Abschnitt 50–52; vgl. Alster 2005)

„Ein falsches Wort ist ein Dolch: halte deine Zunge in Schranken.“

(Abschnitt 60–62; Thema rechte Rede)

„Wer falsch misst, wird selbst Verluste erleiden.“

(Abschnitt 140; frühes Motiv gerechter Wirtschaftsführung)

„Habe Respekt vor dem Armen; hilf dem Bedürftigen.“

(Abschnitt 125–128; soziale Verantwortung)

„Mißachte die Schwache nicht; verletze niemanden, der dir vertraut.“

(Abschnitt 117–120)

„Ein guter Freund ist ein Schatz; verachte ihn nicht, selbst wenn er arm ist.“

(Abschnitt 28–30)

„Gewalt bringt keinen Gewinn. Das Unrecht fällt auf den zurück, der es tut.“

(Abschnitt 215–217)

„Begehre nicht das, was einem anderen gehört.“

(Abschnitt 150–152)

„Wer maßlos isst, hat keinen klaren Kopf.“

(Abschnitt 33–35; frühes Motiv der Mäßigung)

„Ziehe nicht den Hass eines Menschen auf dich; sei nicht hochmütig.“

(Abschnitt 182–185)

„Derjenige, der sein Haus mit Gewalt füllt, wird es leer zurücklassen.“

(Abschnitt 270–272; moralisches Prinzip der Vergeltung)

„Vermeide Streit; er zerstört das Herz.“

(Abschnitt 93–95)

„Sorge dich um deinen Namen: ein guter Ruf ist besser als Reichtum.“

(Abschnitt 200–201)

„Höre auf Worte der Alten; ihr Rat ist wertvoller als Gold.“

(Abschnitt 18–20)

„Ehre deine Mutter und deinen Vater, damit du lange lebst.“

(Abschnitt 1–5; einer der ältesten Belege dieser Regel weltweit)

„Der, der die Wahrheit liebt, bleibt nicht ohne Führung.“

(Abschnitt 70–72)

„Der Übeltäter sagt: ‚Ich habe keinen Gott.‘ Und tatsächlich, es gibt keinen Gott an seiner Seite.“

(Abschnitt 260–262; moralisch-theologischer Zusammenhang)

„Wer sich selbst nicht beherrscht, stürzt sein Haus ins Unglück.“

(Abschnitt 110–112)

Tugendlisten in der Geschichte

Die Geschichte schriftlicher Tugendlisten reicht weit in die Frühzeit menschlicher Zivilisation zurück. Lange bevor die klassische griechische Philosophie abstrakte Tugendbegriffe entwickelte, hielten bereits die Kulturen des Alten Orients geordnete Vorstellungen vom rechten Verhalten in Textform fest. Die ältesten bekannten Beispiele stammen aus Mesopotamien. In den sumerischen „Lehren des Šuruppak“, die in das dritte Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung datiert werden, finden sich klare Hinweise darauf, dass Menschen ihre moralischen Maßstäbe nicht nur mündlich weitergaben, sondern in niedergeschriebenen Listen und Sequenzen strukturierten. Diese Texte bündeln Ratschläge und Wertvorstellungen zu Ehrlichkeit, Besonnenheit, Rücksichtnahme und gegenseitigem Respekt und gelten in der altorientalischen Forschung als frühe Keimformen einer verschriftlichten Tugendethik.

Auch im Alten Ägypten lässt sich eine ausgeprägte Tradition solcher moralischen Kataloge nachweisen. Die sogenannten Sebayt, die „Lehren“ der ägyptischen Weisheitsliteratur, reichen ebenfalls bis ins dritte Jahrtausend zurück und entfalten – besonders in der Lehre des Ptahhotep – ein ausdifferenziertes System ethischer Orientierung. Ihr Zentrum bildet die Idee der Maat, die Einheit von Wahrheit, Gerechtigkeit und kosmischer Ordnung. Tugenden erscheinen in diesen Texten nie isoliert, sondern stets als Ausdruck einer harmonischen Lebensweise: Wahrhaftigkeit, Selbstkontrolle, Ruhe im Konflikt, Gerechtigkeit im Handeln und Großzügigkeit gegenüber Bedürftigen bilden eine innere Ordnung, die nicht nur den Menschen, sondern das Weltgefüge stabilisieren soll.

Die hebräische Weisheitsliteratur führt diese Tradition in einer eigenen theologischen Rahmung fort. In den biblischen Büchern der Sprüche, im Buch Sirach oder im Buch der Weisheit entstehen ebenfalls Kodifikationen erwünschter Charaktereigenschaften, die sich zwar nicht immer in streng nummerierten Listen äußern, aber eindeutig als systematisch angeordnete Werte verstanden werden. Weisheit, Gerechtigkeit, Treue, Milde oder Geduld bilden ein ethisches Gefüge, das durch die Vorstellung von Gottesfurcht – im Sinn ehrfürchtiger Haltung – geerdet wird. Auch hier zeigt sich eine Form verschriftlichter Tugendethik, die den Einzelnen auf ein gerechtes und maßvolles Leben verpflichtet.

Im klassischen Griechenland erreichen Tugendlisten eine neue Stufe der Abstraktion. Platon formuliert in seiner „Politeia“ erstmals die später „klassisch“ gewordenen vier Kardinaltugenden Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit als ein kohärentes ethisches System, das sowohl für die Ordnung des Staates als auch für die des Einzelmenschen gilt. Aristoteles entwickelt dieses Modell weiter und beschreibt Tugenden als charakterliche Haltungen, die jeweils eine „Mitte“ zwischen Extremen markieren. Mut, Freigebigkeit, Sanftmut oder Wahrhaftigkeit erscheinen bei ihm nicht mehr nur als praktische Empfehlungen, sondern als philosophisch begründete Dispositionen, die das gute Leben ermöglichen. Die hellenistischen Schulen, vor allem die Stoiker, nehmen diese Tradition auf und erweitern sie um ein fein gegliedertes Geflecht von Haupt- und Untertugenden, das bis in die römische Kaiserzeit wirkungsmächtig bleibt.

In Rom verbinden sich griechische Konzepte mit dem traditionellen Wertekanon des mos maiorum. Pflichtgefühl, Standhaftigkeit, Treue, Würde und Tapferkeit bilden eine politische und soziale Tugendlehre, die besonders durch Cicero philosophisch ausgearbeitet wird und die antiken Modelle für die römische Gesellschaft neu interpretiert. Mit dem frühen Christentum treten dann weitere Schichten hinzu. Die paulinischen Tugenden, insbesondere die Trias von Glaube, Hoffnung und Liebe, verschmelzen allmählich mit den antiken Kardinaltugenden zu einem System, das im Mittelalter zu großer Reife und Komplexität gelangt. In der Scholastik werden Tugenden umfassend klassifiziert, mit zahlreichen Untertugenden und Gegenlastern versehen und in eine umfassende anthropologische und theologische Ethik eingebettet. Thomas von Aquin gilt hier als wichtigster Systematiker, weil er antikes Denken und christliche Dogmatik zu einer bis ins Spätmittelalter prägenden Tugendlehre verknüpfte.

Schaut man über diese verschiedenen Traditionen hinweg, so fällt eine bemerkenswerte Kontinuität zentraler Werte auf. Offenbar gehören Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Maß, Mut, Weisheit, Hilfsbereitschaft und Verlässlichkeit zu jenen Qualitäten, die Menschen seit Jahrtausenden so bedeutsam erscheinen, dass sie sie nicht nur pflegen, sondern auch verschriftlichen. Die Entstehung von Tugendlisten ist daher nicht bloß eine literarische oder religiöse Praxis, sondern Ausdruck eines tiefen kulturellen Bedürfnisses, ethische Orientierung zu ordnen, zu tradieren und für ihre jeweiligen Gesellschaften verbindlich zu machen. In diesem Sinn gehören Tugendkataloge zu den ältesten Formen moralischer Selbstreflexion, die uns überhaupt schriftlich überliefert sind.

Quellen (Auswahl)
Bendt Alster: Wisdom of Ancient Sumer, 2005.
Samuel Noah Kramer: The Sumerians, 1963.
Miriam Lichtheim: Ancient Egyptian Literature, Bd. 1–3, 1973–1980.
Jan Assmann: Ma’at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten, 1990.
James L. Crenshaw: Old Testament Wisdom, 2010.
Patrick Skehan / Alexander Di Lella: The Wisdom of Ben Sira, 1987.
Platon: Politeia.
Aristoteles: Nikomachische Ethik.
A.A. Long: Hellenistic Philosophy, 1986.
Miriam Griffin: Seneca, 1976.
Thomas von Aquin: Summa Theologiae, II–IIae.
Josef Pieper: The Four Cardinal Virtues, 1965.

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