Analyse des Artikels „Paganismus“ im „Metzler-Lexikon Religion“
Quelle: Paganismus | SpringerLink
Der Text lässt sich gut als Produkt einer bestimmten, älteren religionswissenschaftlichen Perspektive einordnen: Er beschreibt zwar zutreffend, dass „pagan“ historisch als abwertender christlicher Fremdbegriff verwendet wurde, übernimmt aber genau diese Blickrichtung und blendet neuere Forschung sowie pagane Selbstdeutungen weitgehend aus. So entsteht ein stark christozentrischer Rahmen, der in seiner Wirkung ein paganen-feindliches Deutungsmuster reproduziert.
Im Folgenden die wichtigsten Kritikpunkte.
1. Reduktion des Begriffs „paganus“ auf das Klischee vom unzivilisierten Landbewohner
Der Text wiederholt die bekannte These, in der Spätantike seien „noch nicht christianisierte Landbewohner, Dörfler und Bauern“ mit pagani bezeichnet worden. Diese Erklärung war zwar lange verbreitet, wird in der neueren Forschung aber deutlich differenzierter gesehen.
Philologisch ist paganus zunächst ein sozial-räumlicher Begriff („zum pagus gehörig, Dorfbewohner“) und zugleich ein militärischer („Zivilist“ im Gegensatz zum miles). Erst im 4.–5. Jahrhundert gewinnt er in christlichen Kontexten die Bedeutung eines religiösen Gegenbegriffs zu „Christ“. Die verbreitete Gleichsetzung „pagan = ländlich zurückgebliebener Heide“ ist damit selbst ein Produkt christlicher Polemik und sozialer Herabsetzung – also gerade jener Diskurse, die der Text zwar benennt, dann aber weitgehend unreflektiert als neutralen Sachverhalt wiedergibt.
Schon in der Formulierung „noch nicht christianisierte Landbewohner“ steckt das christliche Fortschrittsnarrativ, nach dem das Christentum die Norm ist und Nicht-Christen den Defizitfall darstellen. Eine moderne begriffsgeschichtliche Darstellung würde dagegen deutlich betonen,
- dass der „Landbewohner-Topos“ Teil eines christlichen Stereotyps ist und nicht einfach nüchterne Sozialbeschreibung,
- dass der militärische Sprachgebrauch („Zivilist“ vs. „Soldat Christi“) für das Verständnis des Begriffs ebenso wichtig ist,
- und dass die Verbindung von sozialer, militärischer und religiöser Bedeutung das Ergebnis eines spezifisch christlichen Deutungsprozesses ist.
Der Text stellt hingegen eine umstrittene, historisch belastete christliche Deutung als sachliche Begriffsgeschichte dar und trägt damit das alte Abwertungsmuster fort.
2. Negativdefinition über die „christlichjüdische Tradition“ und Ausblendung paganer Selbstdeutungen
Im Kern wird „pagan“ so definiert, dass es religiöse Formen bezeichnet, „die nicht im Zusammenhang der christlichjüdischen Überlieferung“ stehen oder diesen Kontext ablehnen. Paganismus erscheint damit ausschließlich negativ – als das, was „nicht christlichjüdisch“ ist. Eigene positive Inhalte paganer Religiosität – etwa Theologie, Ritualpraxis oder Ethik – bleiben unsichtbar.
Diese Negativdefinition widerspricht neueren Ansätzen in den Pagan Studies. So schlagen etwa Michael York und andere vor, Paganismus als Oberbegriff für Traditionen zu verstehen, die durch Polytheismus, Animismus, eine positive Haltung zur Leiblichkeit und eine diesseitig ausgerichtete Religiosität gekennzeichnet sind – unabhängig davon, ob sie von christlichen Autoren jemals „pagan“ genannt wurden. Graham Harvey beschreibt „contemporary Paganism“ vor allem über positive Merkmale: eine als heilig verstandene Natur, rituelle Kreativität, Alltags-Sakramentalität und Beziehungsorientierung.
Die seit den 1990er Jahren entstehende Paganforschung geht gerade von der Einsicht aus, dass moderne pagane Religionen nicht länger nur als „Nicht-Christentum“ konstruiert werden dürfen, sondern mit denselben methodischen Standards zu analysieren sind wie Christentum, Islam oder Buddhismus.
Auch der Begriff „christlichjüdische Tradition“ ist problematisch. Historisch ist „judeo-christian“ eine relativ junge politische Formel des 19./20. Jahrhunderts, die reale theologische Konflikte und eine lange Geschichte christlichen Antijudaismus überdeckt und häufig dazu dient, eine imaginierte „westliche Wertegemeinschaft“ von „anderen“ (etwa dem Islam oder säkularen Positionen) abzugrenzen. Wenn der Text Paganismus ausschließlich als Gegenpol zu dieser ohnehin ideologisch geladenen Konstruktion beschreibt, übernimmt er unkritisch die Grenzziehung, die heidnische Religionen seit der Spätantike an den Rand gedrängt hat. Das ist keine neutrale Beschreibung, sondern eine Wiederaufnahme des alten Freund-Feind-Schemas in wissenschaftlicher Sprache.
3. Verzerrtes Bild moderner paganer Religionen: Fokus auf Nativismus und „vermeintliche“ Traditionen
Besonders deutlich wird die Einseitigkeit im Abschnitt zu Paganismus/Neopaganismus. Dort heißt es, beide Begriffe bezögen sich auf Bewegungen, die sich „ihrem Eigenverständnis nach“ in Gegensatz zur „christlichjüdischen Tradition“ setzen und auf „vermeintlich vorchristlich-indigene“ Elemente zurückgreifen: Nativismus-Ideologien, „Zurück-zur-Natur“- und Ökologie-Bewegungen, Gruppen mit „vermeintlich urzeitlichen“ germanischen oder keltischen Traditionen oder einer rein antichristlichen Haltung.
Darin liegen gleich mehrere Verzerrungen:
- Überbetonung von Nativismus und Nationalismus
Es ist unbestritten, dass es neuheidnische Strömungen gibt, die mit völkischem Nationalismus, ethnischer Ideologie oder nativistischen Konzepten verknüpft sind – etwa Teile des slawischen Rodnovery oder bestimmte rechtsextreme Varianten germanischen Neuheidentums. Die Forschung zeigt aber ebenso deutlich, dass diese Strömungen nur einen Ausschnitt eines sehr breiten Spektrums bilden. Die Standardliteratur zu Wicca, Goddess-Spiritualität, Druidentum, Reclaiming, Ásatrú und verwandten Bewegungen beschreibt überwiegend Milieus, die eher mit Feminismus, Umweltschutz, basisdemokratischen Experimenten und pluralistischen Religionsmodellen verknüpft sind. Überblickswerke und Sammelbände machen deutlich, dass moderne paganische Religionen in vielen Ländern demokratisch organisiert sind, rechtliche Anerkennung genießen und am interreligiösen Dialog teilnehmen. Der Text blendet diese Breite fast vollständig aus und zeichnet Paganismus vor allem als ideologisch verdächtige Randerscheinung. - „Vermeintlich“ als pauschale Delegitimierung
Wenn von „vermeintlich vorchristlich-indigenen“ oder „vermeintlich urzeitlichen“ Traditionen die Rede ist, wird eine berechtigte historische Kritik in eine generelle Abwertung umgelenkt. Dass viele neuheidnische Strömungen ihre historischen Wurzeln idealisieren und Kontinuitäten behaupten, die empirisch so nicht haltbar sind, ist gut belegt – Ronald Hutton hat etwa überzeugend gezeigt, dass Wicca keine direkte Fortsetzung eines vormodernen Hexenkults ist, sondern eine Religion des 20. Jahrhunderts. Seriöse Forschung verbindet diese Entzauberung von Traditionsbehauptungen jedoch fast immer mit der Anerkennung, dass es sich gleichwohl um eigenständige, religiös kreative Bewegungen handelt. „Erfundene Traditionen“ im Sinne Eric Hobsbawms finden sich in fast allen Religionen – von christlichen Weihnachtsbräuchen über nationale Mythen bis zu modernen buddhistischen Reformen. Der hier kritisierte Text markiert „vermeintliche“ Traditionen jedoch ausschließlich beim Paganismus und erzeugt so den Eindruck, gerade pagane Religionen seien besonders uneigentlich, künstlich oder ideologisch konstruiert. Das ist ein klassisches Muster paganen-feindlicher Darstellung. - Reduktion auf Anti-Christentum statt positive Selbstbeschreibung
Die Behauptung, diese Bewegungen stellten sich „ihrem Eigenverständnis nach“ vor allem in den Gegensatz zur „christlichjüdischen Tradition“, verzerrt die empirische Lage. Viele Pagane definieren sich nicht primär als Gegenbewegung, sondern über positive Inhalte: Naturspiritualität, Polytheismus, animistische Weltbilder, rituelle Arbeit mit Jahreskreisfesten, bestimmte Verständnisse von Körperlichkeit, Geschlecht, Gemeinschaft und Verantwortung für mehr-als-menschliche Welten. Natürlich gibt es ausdrücklich antichristliche Strömungen, etwa dort, wo Menschen persönliche Traumata durch Kirchenmissbrauch oder fundamentalistische Erziehung verarbeiten. Aber die pauschale Aussage, gerade dies sei das „Eigenverständnis“ von Paganismus und Neopaganismus, ignoriert die Vielfalt der Selbstaussagen und spricht erneut über Pagane, statt ihre eigenen Stimmen ernst zu nehmen.
4. Ignorierte Forschung zur sozialen Realität modernen Heidentums
Zum Entstehungszeitpunkt des Textes lagen bereits zahlreiche ethnographische und soziologische Studien über neuheidnische Gruppen vor, auch im deutschsprachigen Raum. Arbeiten von Margot Adler, Helen Berger, Michael Strmiska, Jenny Blain, Sabina Magliocco und anderen zeigen die soziale Differenziertheit moderner paganer Szenen und die Komplexität ihrer internen Debatten – etwa zu Rassismus, Gender, Rekonstruktion vs. Eklektizismus und politischer Positionierung.
Für Deutschland liegen u.a. detaillierte Feldstudien von Sebastian Krebel und René Gründer vor, die unterschiedliche Strömungen wie Wicca, Ásatrú, germanisches Neuheidentum, Frauenspiritualität und andere untersuchen. Diese Studien weisen nach, dass
- modernes Heidentum sozial breit gestreut ist (von akademisch gebildeten Städterinnen bis zu Handwerkerinnen, von links-ökologisch bis konservativ),
- pagane Gruppen über ausgeprägte interne Reflexions- und Kritikdiskurse verfügen,
- und sich weder auf nationalistische Varianten noch auf stereotype „Zurück-zur-Natur“-Romantik reduzieren lassen.
Der Text ignoriert diese Forschung weitgehend und knüpft damit implizit an ältere christliche Apologetik und sektologische Polemik an. In der Folge verfestigt er ein Bild, in dem Pagane vor allem Objekte christlicher Bewertung bleiben und nicht als eigenständige religiöse Akteure erscheinen.
5. Ausblendung der demographischen und rechtlichen Realität
Religionssoziologisch zeichnet der Text ein überholtes Bild. Bereits um die Jahrtausendwende sprechen Studien von mehreren Millionen Anhänger*innen neuheidnischer Religionen weltweit; Wicca und verwandte Strömungen gelten in manchen Ländern als zahlenmäßig bedeutsame religiöse Minderheiten. Michael York und andere argumentieren, dass Paganismus – in einem weiteren, typologischen Sinn – heute zu den relevanten „Weltreligionsfamilien“ gezählt werden kann.
Zugleich wird in der Forschung hervorgehoben, dass pagane Religionen in pluralen Demokratien zunehmend
- öffentlich sichtbar sind,
- rechtlich als Religionsgemeinschaften anerkannt werden,
- in interreligiösen Gremien vertreten sind,
- und in der Religionswissenschaft als legitime Forschungsgegenstände etabliert wurden.
Das vom Text entworfene Bild einer randständigen, kulturell defizitären „Zurück-zur-Natur“- oder Nativismusbewegung wird dieser Lage nicht gerecht. Es unterschlägt die Konsolidierung paganer Religionen als normaler Bestandteil religiöser Pluralität.
Fazit
In der Zusammenschau ergibt sich ein deutliches Urteil:
- Der Text benennt zwar den polemischen Gebrauch von „pagan“ in der christlichen Tradition, übernimmt diesen aber weitgehend und wiederholt soziale und kulturelle Stereotype, statt sie kritisch zu analysieren.
- Er definiert Paganismus ausschließlich negativ als „Nicht-Christentum“ bzw. Gegenpol zur „christlichjüdischen Tradition“ und blendet damit systematisch die positiven Selbstbeschreibungen paganer Religionen aus.
- Moderne pagane Bewegungen werden einseitig über Nativismus, vermeintliche Kulturdefizite und Anti-Christentum typisiert; ihre empirisch nachweisbare Vielfalt, ihre inneren Debatten und ihre religiöse Kreativität bleiben unsichtbar.
- Umfangreiche internationale und deutschsprachige Forschung zu modernem Heidentum findet keine Berücksichtigung, sodass Pagane weiterhin vor allem als Objekte christlicher Abgrenzung erscheinen.
Gerade durch diese Kombination entsteht ein deutlich einseitiges und in der Wirkung paganen-feindliches Narrativ: Paganismus wird nicht als gleichwertige religiöse Option in einer pluralen Gesellschaft dargestellt, sondern als abweichende, defizitäre und ideologisch problematische Größe, deren Selbstdeutungen von vornherein als „vermeintlich“ abqualifiziert werden. Eine aktuelle, wissenschaftlich balancierte Darstellung müsste demgegenüber sowohl die historische Belastung des Kampfbegriffs „pagan“ als auch die emische Vielfalt und Legitimität moderner paganer Religionen sichtbar machen – und Pagane nicht länger nur durch das Auge der christlich geprägten Mehrheitskultur betrachten.
Quellen (Auswahl)
- Adler, Margot: Drawing Down the Moon. Witches, Druids, Goddess-Worshippers, and Other Pagans in America Today. Rev. ed. New York 2006.
- Berger, Helen A.: A Community of Witches. Contemporary Neo-Paganism and Witchcraft in the United States. Columbia, SC 1999.
- Blain, Jenny: Nine Worlds of Seid-Magic. Ecstasy and Neo-Shamanism in North European Paganism. London/New York 2002.
- Gründer, René: Germanisches (Neu-)Heidentum in Deutschland. Eine religionsethnologische Studie. Bielefeld 2010; sowie weitere einschlägige Aufsätze.
- Harvey, Graham: Contemporary Paganism. Listening People, Speaking Earth. 2. Aufl. New York 2007.
- Hobsbawm, Eric / Ranger, Terence (Hg.): The Invention of Tradition. Cambridge 1983.
- Hutton, Ronald: The Triumph of the Moon. A History of Modern Pagan Witchcraft. Oxford 1999.
- Krebel, Sebastian: Modernes Heidentum in Deutschland. Ethnographische Erkundungen einer religiösen Landschaft. (Dissertation; diverse Aufsätze).
- Magliocco, Sabina: Witching Culture. Folklore and Neo-Paganism in America. Philadelphia 2004.
- Strmiska, Michael F. (Hg.): Modern Paganism in World Cultures. Comparative Perspectives. Santa Barbara 2005.
- York, Michael: Pagan Theology. Paganism as a World Religion. New York 2003.
- Zur Entstehung und politischen Verwendung des Begriffs „judeo-christian tradition“ siehe etwa: Greenberg, Udi: The Weimar Century. German Émigrés and the Ideological Foundations of the Cold War. Cambridge 2015; diverse Aufsätze zur Begriffsgeschichte.


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