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Das letzte Orakel von Delphi

„Sagt dem Kaiser, dass mein Tempel zu Boden gefallen ist. Phoibos gibt es hier nicht mehr. Weder sein Zuhause noch das Wohnhaus seines Orakel noch das Aufkommen seiner vielen Prophezeiungen, denn das heilige Wasser ist verfallen. Doch werden inmitten der dunklen Zeiten neue Zeiten kommen, in denen die Menschen die Rituale der Erde erheben und Feuer und Weihrauch wieder brennen. Dann werden die Götter zurückkehren, um ihr Zuhause unter euch zu errichten.“ Letzte Prophezeiung von 362 vom Orakel von Delphi an Kaiser Julien, berichtet von Oribasius.

Ist es wirklich echt und alt? Ja und nein. Was hat es damit auf sich und warum halten wir es für wichtig?

Hier die Antwort:

Das letzte Orakel von Delphi – Untergang, Umdeutung und Wiedererhebung

Historische Überlieferung

Das Orakel von Delphi war über Jahrhunderte hinweg eine der bedeutendsten religiösen Institutionen der antiken Welt. Noch unter Kaiser Julian (361–363), der eine Rückkehr zu den alten Kulten anstrebte, wurde sein Leibarzt Oribasius nach Delphi geschickt. Dort erhielt er einen Spruch, der in drei Hexametern überliefert ist:

„Sagt dem König:

Zur Erde ist der kunstvolle Hof gefallen.

Phoibos hat keine Hütte mehr,

nicht den weissagenden Lorbeer, keine sprechende Quelle.

Erloschen ist auch das redende Wasser.“

Dieser Spruch, tradiert durch Philostorgios (4. Jh.), Photius (9. Jh.) sowie spätere Chronisten wie Kedrenos und Pseudo-Symeon, beschreibt den Verfall des Heiligtums und das Verstummen der Gottheit. In der christlichen Überlieferung wurde er als „letztes Orakel“ gedeutet – als endgültiges Ende der heidnischen Religion.

Christliche Umdeutung

In den Schriften der Kirchenhistoriker wurde der Spruch apologetisch verwendet. Das Schweigen Apollons erschien als Selbstbekenntnis des Heidentums zu seinem eigenen Untergang. Damit wurde das Christentum als natürliche Nachfolge dargestellt: Nicht nur Menschen, sondern sogar die Götter selbst hätten die Bühne verlassen. Diese Umdeutung ist exemplarisch für den religiösen Kampf der Spätantike: Texte, Mythen und Bräuche der alten Religionen wurden uminterpretiert, um deren Untergang und Selbstauflösung zu belegen.

Moderne Ergänzung

Die antiken Quellen enthalten ausschließlich den Untergangsspruch. Die Vorstellung, dass die Götter dereinst zurückkehren, ist eine moderne Erweiterung. Literarisch taucht sie im 19. Jahrhundert auf, etwa in Gérard de Nervals Gedicht Delphica (1845), das eine Wiederkehr der Götter beschwört. In der Neuzeit griffen esoterische, romantische und pagane Strömungen diesen Gedanken auf und verbanden das Schweigen des Orakels mit einer Hoffnung auf Wiedererhebung.

Bedeutung für das moderne Heidentum

Im modernen Heidentum ist diese Umkehrung zentral: Nicht der Untergang, sondern das Erwachen ist die Botschaft. Die Götter haben nie aufgehört zu existieren, sondern waren in einem langen Schlaf. Nun liegt es an uns, sie neu zu ehren – durch Feuer und Räucherwerk, Opfer und Rituale, durch Anrufungen und Feste.

Damit wird aus dem vermeintlich letzten Orakel ein Symbol des Neubeginns: Das, was einst als Ende gedeutet wurde, ist nun ein Auftrag. Wir sind diejenigen, die die Tempel der Göttinnen und Götter neu errichten – in unserem Inneren und in der sichtbaren Welt.

Manifest des Erwachens

Das Orakel von Delphi sprach vom Schweigen. Die Christen deuteten es als Ende. Wir aber hören darin den Ruf zur Wiederkehr. Denn die Göttinnen und Götter sind nicht verschwunden. Sie schlafen nicht länger.

Wir haben begonnen, sie erneut zu ehren: mit unseren Kultfeuern, mit Räucherwerk, mit Gaben, mit Liedern und Gebeten. Wir haben begonnen, ihre Namen wieder zu rufen. Darin erwachen sie – nicht fern, sondern mitten unter uns.

Es ist unsere Aufgabe, dieses Erwachen zu stärken. Jeder Kreis, den wir ziehen, jede Flamme, die wir entzünden, jede Stimme, die ihre Lieder trägt, ist ein neuer Stein im Tempel der Götter. In uns selbst, in unseren Gemeinschaften, in der Welt.

Die Götter sind nie untergegangen. Sie kehren zurück, weil wir sie rufen. Und es ist an uns, diese Rückkehr lebendig zu halten. Mögen die Tempel wieder erstehen – in uns und um uns.

Quellen

  • Bidez, J. (Hg.): Philostorgius, Kirchengeschichte. GCS, Leipzig 1913 (Neuausg. 1981).
  • Christ, K.: Geschichte der römischen Kaiserzeit. München 1995.
  • Fontenrose, J.: The Delphic Oracle: Its Responses and Operations. Berkeley 1978.
  • Gregory, T. E.: Kedrenos, Pseudo-Symeon, and the Last Oracle at Delphi. Greek, Roman, and Byzantine Studies 32 (1991), 361–374.
  • Vanderspoel, J.: The Enigma of the Last Oracle. Topoi 7 (1997), 297–314.
  • Nerval, Gérard de: Delphica, in: Les Chimères (1845).
  • Wikipedia: Letztes Orakel von Delphi
  • (Abruf 2025).

„Wir sind die mit den vielen Göttinnen und Göttern“

Dieser Spruch ziert seit Beginn der interreligiösen Arbeit die Blogseite „Paganes Leben Berlin“ , die zum Arbeitskreis gehört und ebenso einige unserer Banner und Flyer. Entstanden war der Satz auf einem unserer ersten öffentlichen Auftritte. Dialog: „Ihr seid doch Heiden?“ – „ja.“ – „Was machen denn Atheisten auf einem Religionsfest?“ und schwupp war der Satz geboren.

Nichts ist so missverständlich wie das Wort „Heiden“.

Das hat mit seiner Geschichte zu tun und ich gebe mal dazu nur einige Schlaglichter:

Viele denken, der Begriffe komme aus der Bibel und bezeichne entweder gänzlich „Ungläubige“ oder zumindest „Ungetaufte“. Wer in einer deutschen Bibel blättert hat aber z.B. das Problem, dass das gleiche deutsche Wort „Heiden“ sich in den vorchristlichen Teilen auf „alle bezieht, die nicht zum Bundesvolk Israel gehören“ und im christlichen Teil tatsächlich die polytheistischen Römer, Hellenen etc. gemeint sind. Im Frühchristentum gibt es dann den berühmten Streit, ob „Heiden“ denn überhaupt Christen werden könnten, da sie ja zuvor keine Juden waren. Bekannterweise wurde dieser Streit für diese Ansicht entschieden und noch dazu mit Missionierung verknüpft.

In den folgenden Jahrhunderten waren die „Heiden“ immer die Andersgläubigen. Für die Christen waren die Muslime lange „Heiden“. Spricht z.B. der alte Fritz über religiöse Toleranz und verspricht, er würde auch „den Heiden Tempel errichten“ meint er nicht Druiden und Asatru, sondern Muslime. Katholiken und Protestanten beschimpften sich lange Zeit gegenseitig nicht nur als Ketzer, sondern vor allem als „Heiden“. Besonders von protestantischer Seite zog man gern polemische Parallelen zu „Götzenkulten“.

Die Verknüpfung mit „Heide“ = ungetaufter Atheist ist sehr neuzeitlich, aber hat sich verbreitet.

Wo kommt das Wort her?

Es gibt verschiedene Ableitungen. Einmal tatsächlich mittelhochdeutsch „heidano“ als Übersetzung von „paganus“ (wir hatten das Wort weiter oben schon mal). Dann wäre es „zum Landvolk gehörig“. Es gibt aber auch die Ableitung von „heiðinn“ = zur heimischen Kultgemeinde gehörig.

Eher auf letzteres bezieht sich der moderne Begriff Heidentum. Er meint die in der Neuzeit wieder belebten Religionen der vorchristlichen Zeit (nicht nur in Europa). Ob davor ein „Neu-“ oder „Neo-“ gehört ist btw. umstritten und wir von vielen nicht gern gesehen. Es gibt zwar auch da interessante Systematiken, aber zumeist ist das „Neu-“ davor abwertend gemeint im Sinne von „ohne Wurzeln“, „selbst ausgedacht“, „neue Sekte“. Und prompt wird man unter „neue Religionen“ einsortiert.

Heidentum wurde als Begriff längst zurückerobert. Wie nennen wir es dann am liebsten? „Modernes Heidentum“ oder eben differenziert, da es viele Religionen sind: Druiden, Asatru, Wicca etc. Polytheisten sind auch nicht alle, aber viele.

Von daher stimmt dieser Wahlspruch noch immer.

Ach ja, für echte Polytheisten gilt: Alle Göttinnen und Götter existieren. Nicht nur die, die man selbst verehrt.

Wer das nochmal aus allerdings eindeutig christlicher Sichtweise nachlesen will, dem sei der EZW-Artikel zu Heidentum empfohlen:

https://www.ezw-berlin.de/publikationen/lexikon/heidentum

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