Verein für interreligiöse Bildung und Zusammenarbeit

Kategorie: Polytheologie und Paganismus (Seite 8 von 10)

Das evolutionistische Religionsmodell: Entstehung, koloniale Funktion und Kritik

Leider höre ich Teile davon selbst im paganen/heidnischen Kontext. Unsere Ahnen hätten sich Blitz und Donner nicht erklären können, deshalb hätten sie Götter erfunden. Unsere Ahnen hätten vor Angst bei einer Sonnenfinsternis geschlottert. All das ist eher Mittelalter als Antike. Eingeredete Ängste und nicht Primitivheit.

Auch Frazer wird in Heidenkreisen gern unkritisch einfach gelesen und genutzt.

Darum jetzt mal:

Das evolutionistische Religionsmodell: Entstehung, koloniale Funktion und Kritik

1. Einleitung

Das sogenannte evolutionistische Religionsmodell gehört zu den prägenden Denkfiguren des 19. Jahrhunderts. Es entwirft die Vorstellung, Religionen verliefen auf einer einheitlichen Entwicklungslinie: vom „primitiven Animismus“ über Polytheismus hin zum Monotheismus – und schließlich in den modernen Atheismus oder die Wissenschaft. Dieses Modell hat die frühe Religionswissenschaft, Missionspraxis und koloniale Herrschaft gleichermaßen geprägt. Doch schon früh wurde es kritisiert und gilt heute als überholt. Der folgende Aufsatz zeichnet Entstehung, Funktion und Kritik dieses Modells nach.

2. Entstehung und Grundannahmen

Der britische Anthropologe Edward B. Tylor beschrieb in seinem Werk Primitive Culture (1871) den Animismus als „älteste“ Form der Religion. James George Frazer entwarf in The Golden Bough (1890–1915) das Stufenmodell „Magie → Religion → Wissenschaft“. Auguste Comte hatte zuvor in seiner „Drei-Stadien-Lehre“ (1830) eine universale Abfolge von „theologisch → metaphysisch → positivistisch“ behauptet.

Allen Ansätzen gemeinsam war die Vorstellung eines unilinearen Fortschritts: Menschheit und Religion entwickeln sich auf einer Leiter, deren Endpunkt die europäische Moderne sei. Monotheismus galt als „höchste“ Stufe, von der aus der Übergang zum säkularen Atheismus und zur Wissenschaft fast selbstverständlich erschien.

3. Abwertung indigener Religionen

Das Modell ging mit einer massiven Abwertung einher. Indigene Religionen und vorchristliche Traditionen wurden als „primitive Überbleibsel“ eines kindlich-dummen Menschheitszustandes beschrieben. Die Sprache Tylors und Frazers ist durchsetzt von Begriffen wie „savage“ oder „barbaric“. So entstand ein Bild, das die eigenen Vorfahren als „unvernünftig“ und nicht-europäische Völker als „zurückgeblieben“ klassifizierte.

Diese Abwertung erfüllte eine doppelte Funktion: Sie bestätigte den europäischen Monotheismus als „fortschrittlich“ und rechtfertigte zugleich koloniale Überlegenheitsansprüche.

4. Ein koloniales Machtinstrument

Die Forschung hat gezeigt, dass das evolutionistische Modell nicht neutral war, sondern im Kontext westlich-kolonialistischer Herrschaft entstand und eingesetzt wurde.

Mission: Christliche Missionen nutzten die Theorie, um „primitiven Religionen“ ihre Legitimität abzusprechen und deren Ablösung durch den „höheren“ Monotheismus als historische Notwendigkeit zu rechtfertigen.

Koloniale Verwaltung: In Afrika, Indien oder Ozeanien wurden Rituale, Opfer oder religiöse Ämter als „heidnisch“ kriminalisiert. David Chidester (1996) hat gezeigt, wie Religionskategorien als Verwaltungs- und Kontrollinstrument eingesetzt wurden.

Diskursive Macht: Talal Asad (1993) zeigte, dass der Religionsbegriff selbst im europäischen Kontext entstand und in kolonialen Verhältnissen zur Abwertung und Disziplinierung anderer Glaubensformen diente. Tomoko Masuzawa (2005) wies nach, wie die Konstruktion der „Weltreligionen“ das Christentum zur Norm erhob und viele Traditionen zu „Volksglauben“ degradierte.

Das evolutionistische Modell stellte sicher, dass der Westen sich selbst an der Spitze einer angeblich universalen Entwicklung sehen konnte.

5. Die Fortschrittslinie zum Atheismus

Besonders bei Comte und Frazer zeigt sich eine weitere ideologische Stoßrichtung: Der Monotheismus erschien nicht als Endpunkt, sondern als Durchgangsstadium hin zur wissenschaftlichen Weltdeutung. Damit wurde eine direkte Linie vom Monotheismus zum Atheismus gezogen. Auch hier zeigt sich, dass das Modell nicht nur kolonialen, sondern auch inner-europäischen Zwecken diente: die Überwindung von Religion durch die moderne Wissenschaft zu legitimieren.

6. Warum das Modell der Realität nicht entspricht

6.1 Gleichzeitigkeit statt Stufen

Religionsgeschichte zeigt Pluralität, nicht Stufengang. Im Römischen Reich existierten Polytheismus, Ahnenkulte, Philosophie und Mysterien nebeneinander (Rüpke 2018). Auch im Alten Orient oder in Ostasien finden sich parallele Systeme.

6.2 Monotheismus als Ausnahme

Jan Assmann (2003, 2010) hat betont, dass der Monotheismus historisch eine seltene Ausnahme darstellt. Seine Durchsetzung geschah nicht durch „natürliche“ Evolution, sondern durch politische Macht, Mission und Exklusivanspruch – oft begleitet von Gewalt.

6.3 Kritik seit dem 19. Jahrhundert

Schon Franz Boas (1896) kritisierte die unilineare Entwicklungsvorstellung. E. E. Evans-Pritchard (1965) zeigte, dass „primitives Denken“ in sich rational ist. Jonathan Z. Smith (2004) und Peter Harrison (2015) verdeutlichten, dass Kategorien wie „Religion“ und „Wissenschaft“ moderne Konstruktionen sind – das evolutionistische Modell beruht also selbst auf fragwürdigen Begriffen.

6.4 Alternative Ansätze

Robert N. Bellah (2011) entwarf eine religionsgeschichtliche Perspektive, die unterschiedliche Entwicklungen nebeneinander betrachtet: Israel, Griechenland, Indien und China zeigen je eigene Pfade. Damit tritt an die Stelle einer linearen Leiter eine Landkarte vielfältiger Entwicklungen.

7. Fazit

Das evolutionistische Religionsmodell war mehr als ein wissenschaftliches Deutungsmuster – es war ein Machtinstrument. Es diente dazu, indigene Religionen abzuwerten, Kolonialismus zu legitimieren, den christlichen Monotheismus zur Norm zu erklären und schließlich den Atheismus als zwangsläufige Endstufe erscheinen zu lassen.

Die Realität religiöser Geschichte widerspricht dem jedoch: Animismus, Polytheismus und Monotheismus existierten und existieren gleichzeitig. Monotheismus ist die Ausnahme, nicht die Regel – und seine Durchsetzung geschah über Macht und nicht über natürliche Entwicklung. Das evolutionistische Modell ist daher keine empirische Beschreibung, sondern Ausdruck kolonialer Ideologie.

Literatur

  • Asad, Talal: Genealogies of Religion. Baltimore: Johns Hopkins Univ. Press, 1993.
  • Assmann, Jan: Die Mosaische Unterscheidung. München: Hanser, 2003.
  • Assmann, Jan: The Price of Monotheism. Stanford: Stanford Univ. Press, 2010.
  • Bellah, Robert N.: Religion in Human Evolution. Harvard Univ. Press, 2011.
  • Boas, Franz: „The Limitations of the Comparative Method of Anthropology.“ Science 4 (1896).
  • Chidester, David: Savage Systems. Charlottesville: Univ. of Virginia Press, 1996.
  • Comte, Auguste: Cours de philosophie positive. Paris, 1830.
  • Evans-Pritchard, E. E.: Theories of Primitive Religion. Oxford: Clarendon Press, 1965.
  • Frazer, James G.: The Golden Bough. London: Macmillan, 1890–1915 (1922).
  • Harrison, Peter: The Territories of Science and Religion. Chicago: Univ. of Chicago Press, 2015.
  • Masuzawa, Tomoko: The Invention of World Religions. Chicago: Univ. of Chicago Press, 2005.
  • Rüpke, Jörg: Pantheon. A New History of Roman Religion. Princeton: Princeton Univ. Press, 2018.
  • Smith, Jonathan Z.: „Religion, Religions, Religious.“ In: Relating Religion. Chicago: Univ. of Chicago Press, 2004.
  • Tylor, Edward B.: Primitive Culture. London: 1871.

Das letzte Orakel von Delphi

„Sagt dem Kaiser, dass mein Tempel zu Boden gefallen ist. Phoibos gibt es hier nicht mehr. Weder sein Zuhause noch das Wohnhaus seines Orakel noch das Aufkommen seiner vielen Prophezeiungen, denn das heilige Wasser ist verfallen. Doch werden inmitten der dunklen Zeiten neue Zeiten kommen, in denen die Menschen die Rituale der Erde erheben und Feuer und Weihrauch wieder brennen. Dann werden die Götter zurückkehren, um ihr Zuhause unter euch zu errichten.“ Letzte Prophezeiung von 362 vom Orakel von Delphi an Kaiser Julien, berichtet von Oribasius.

Ist es wirklich echt und alt? Ja und nein. Was hat es damit auf sich und warum halten wir es für wichtig?

Hier die Antwort:

Das letzte Orakel von Delphi – Untergang, Umdeutung und Wiedererhebung

Historische Überlieferung

Das Orakel von Delphi war über Jahrhunderte hinweg eine der bedeutendsten religiösen Institutionen der antiken Welt. Noch unter Kaiser Julian (361–363), der eine Rückkehr zu den alten Kulten anstrebte, wurde sein Leibarzt Oribasius nach Delphi geschickt. Dort erhielt er einen Spruch, der in drei Hexametern überliefert ist:

„Sagt dem König:

Zur Erde ist der kunstvolle Hof gefallen.

Phoibos hat keine Hütte mehr,

nicht den weissagenden Lorbeer, keine sprechende Quelle.

Erloschen ist auch das redende Wasser.“

Dieser Spruch, tradiert durch Philostorgios (4. Jh.), Photius (9. Jh.) sowie spätere Chronisten wie Kedrenos und Pseudo-Symeon, beschreibt den Verfall des Heiligtums und das Verstummen der Gottheit. In der christlichen Überlieferung wurde er als „letztes Orakel“ gedeutet – als endgültiges Ende der heidnischen Religion.

Christliche Umdeutung

In den Schriften der Kirchenhistoriker wurde der Spruch apologetisch verwendet. Das Schweigen Apollons erschien als Selbstbekenntnis des Heidentums zu seinem eigenen Untergang. Damit wurde das Christentum als natürliche Nachfolge dargestellt: Nicht nur Menschen, sondern sogar die Götter selbst hätten die Bühne verlassen. Diese Umdeutung ist exemplarisch für den religiösen Kampf der Spätantike: Texte, Mythen und Bräuche der alten Religionen wurden uminterpretiert, um deren Untergang und Selbstauflösung zu belegen.

Moderne Ergänzung

Die antiken Quellen enthalten ausschließlich den Untergangsspruch. Die Vorstellung, dass die Götter dereinst zurückkehren, ist eine moderne Erweiterung. Literarisch taucht sie im 19. Jahrhundert auf, etwa in Gérard de Nervals Gedicht Delphica (1845), das eine Wiederkehr der Götter beschwört. In der Neuzeit griffen esoterische, romantische und pagane Strömungen diesen Gedanken auf und verbanden das Schweigen des Orakels mit einer Hoffnung auf Wiedererhebung.

Bedeutung für das moderne Heidentum

Im modernen Heidentum ist diese Umkehrung zentral: Nicht der Untergang, sondern das Erwachen ist die Botschaft. Die Götter haben nie aufgehört zu existieren, sondern waren in einem langen Schlaf. Nun liegt es an uns, sie neu zu ehren – durch Feuer und Räucherwerk, Opfer und Rituale, durch Anrufungen und Feste.

Damit wird aus dem vermeintlich letzten Orakel ein Symbol des Neubeginns: Das, was einst als Ende gedeutet wurde, ist nun ein Auftrag. Wir sind diejenigen, die die Tempel der Göttinnen und Götter neu errichten – in unserem Inneren und in der sichtbaren Welt.

Manifest des Erwachens

Das Orakel von Delphi sprach vom Schweigen. Die Christen deuteten es als Ende. Wir aber hören darin den Ruf zur Wiederkehr. Denn die Göttinnen und Götter sind nicht verschwunden. Sie schlafen nicht länger.

Wir haben begonnen, sie erneut zu ehren: mit unseren Kultfeuern, mit Räucherwerk, mit Gaben, mit Liedern und Gebeten. Wir haben begonnen, ihre Namen wieder zu rufen. Darin erwachen sie – nicht fern, sondern mitten unter uns.

Es ist unsere Aufgabe, dieses Erwachen zu stärken. Jeder Kreis, den wir ziehen, jede Flamme, die wir entzünden, jede Stimme, die ihre Lieder trägt, ist ein neuer Stein im Tempel der Götter. In uns selbst, in unseren Gemeinschaften, in der Welt.

Die Götter sind nie untergegangen. Sie kehren zurück, weil wir sie rufen. Und es ist an uns, diese Rückkehr lebendig zu halten. Mögen die Tempel wieder erstehen – in uns und um uns.

Quellen

  • Bidez, J. (Hg.): Philostorgius, Kirchengeschichte. GCS, Leipzig 1913 (Neuausg. 1981).
  • Christ, K.: Geschichte der römischen Kaiserzeit. München 1995.
  • Fontenrose, J.: The Delphic Oracle: Its Responses and Operations. Berkeley 1978.
  • Gregory, T. E.: Kedrenos, Pseudo-Symeon, and the Last Oracle at Delphi. Greek, Roman, and Byzantine Studies 32 (1991), 361–374.
  • Vanderspoel, J.: The Enigma of the Last Oracle. Topoi 7 (1997), 297–314.
  • Nerval, Gérard de: Delphica, in: Les Chimères (1845).
  • Wikipedia: Letztes Orakel von Delphi
  • (Abruf 2025).

Der erste Merseburger Zauberspruch – Text, Deutung und moderne Forschungsperspektiven

1. Überlieferung und Kontext

Die sogenannten Merseburger Zaubersprüche wurden 1841 von Georg Waitz in einer liturgischen Handschrift des 10. Jahrhunderts im Domstift Merseburg entdeckt. Die Handschrift selbst entstand wohl im Umfeld des Klosters Fulda, die Sprüche sind jedoch älteren Ursprungs und dürften aus der mündlichen Tradition stammen. Die Texte gehören zu den wenigen vollständig erhaltenen volkssprachlichen Zeugnissen magisch-religiöser Dichtung im Althochdeutschen.

Der erste Spruch (MZ I) zeigt die für germanische Zauberformeln typische Struktur: eine erzählende Historiola, die eine mythische Situation schildert, und eine abschließende Incantatio, die das gewünschte Ziel unmittelbar beschwört. Auffällig ist die Mischform aus Stabreim und Endreim, die den Text in eine Übergangsphase germanischer Dichtung stellt.

2. Text und Übersetzung

Normalisierte Lesart nach Robert Nedoma:

Eiris sazun idisi, sazun hera duoder;

sumaro hiuft heptidun, sumaro heri lezidun,

sumaro clûbodun umbî cuniowidi;

insprinc haptbandun, inuar uîgandun!

Übersetzung:

„Einst setzten sich Idisen, setzten sich hierhin und dorthin;

einige hefteten Haftbänder, einige hemmten das Heer,

einige banden feste Fesseln:

Entspringe den Haftbändern, entweiche den Kriegern!“

Der Spruch ist damit klar als Lösezauber zu identifizieren, der auf die Befreiung von Gefangenen zielt.

3. Die Idisi – Deutungsprobleme

Zentral für die Interpretation ist der Begriff Idisi.

Sprachlich sind Parallelen zu altnordisch dísir und altenglisch ides („Frau, Edeldame, Göttin“) vorhanden.

Ältere Forschung setzte die Idisi mit Walküren gleich, da beide als Frauenwesen mit Einfluss auf Schlacht und Schicksal verstanden werden. Diese Deutung ist jedoch problematisch, weil Walküren primär den Tod bestimmen, während die Idisi hier Befreiung bringen.

Gerhard Eis schlug stattdessen eine Verbindung zu den rheinischen Matronae-Kulten vor: ehrwürdige „Müttergottheiten“, die Schutz und Hilfe gewährten.

Neuere Forschung (z. B. Beck, Lühr) plädiert dafür, die Idisi vorsichtiger als mythische Frauenwesen eigener Art zu verstehen, deren Funktion im Bereich von Bindung und Lösung liegt, ohne sie strikt mit Walküren oder Matronen zu identifizieren.

4. Moderne Interpretationsansätze

Die aktuelle Forschung betrachtet den Spruch aus unterschiedlichen Perspektiven:

Pragmatisch-funktional

Der Text ist ein praktischer Lösesegen, vermutlich gesprochen zur Befreiung von Kriegsgefangenen. Die Form (Historiola + Beschwörung) entspricht internationalen Mustern magischer Poesie.

Mythologisch

Die Idisi sind Teil eines übernatürlichen Weltbildes. Ihre Eingriffe im Kampfgeschehen lassen sie als weibliche Schicksals- und Schutzgestalten erscheinen, die Macht über Fesselung und Befreiung besitzen.

Symbolisch-psychologisch

In religionswissenschaftlichen Ansätzen wird betont, dass „Fesseln“ metaphorisch für innere oder soziale Bindungen stehen können. Der Zauber wirkt somit auch symbolisch als Akt der Loslösung.

Synkretisch

Da der Spruch in einer christlichen Handschrift überliefert ist, liegt eine Deutung als Zeugnis religiösen Übergangs nahe. Pagan-magische Traditionen wurden von christlichen Schreibern nicht vollständig unterdrückt, sondern teilweise bewahrt und kontextualisiert.

————-

Der erste Merseburger Zauberspruch ist eines der wichtigsten Zeugnisse germanischer Magie. Seine Form dokumentiert ein funktionales magisches Ritual, das gleichzeitig mythologische und religiöse Vorstellungen transportiert.

Die Idisi sind dabei weder eindeutig Walküren noch Matronen, sondern stehen als eigenständige Kategorie weiblicher Schicksalswesen. Der Text zeigt, wie sich mythische Narrative in ritueller Praxis niederschlugen und wie diese Traditionen in christlich geprägten Handschriften weiterleben konnten.

Literaturverzeichnis

  • Beck, Wolfgang: Die Merseburger Zaubersprüche. Untersuchungen zu den althochdeutschen magischen Texten. In: Zeitschrift für deutsches Altertum 95 (1966), S. 321–366.
  • Eis, Gerhard: „Idisi = Matronae?“ In: Zeitschrift für deutsches Altertum 68 (1931), S. 81–86.
  • Fanger, Claire: „The Merseburg Charms: Pagan Magic and Christian Culture in Medieval Germany“. In: Magic, Ritual, and Witchcraft 1 (2005), S. 6–32.
  • Lühr, Rosemarie: „Idisi, Matronae und Walküren“. In: Indogermanische Forschungen 93 (1988), S. 142–165.
  • Nedoma, Robert: Die Merseburger Zaubersprüche. Text – Übersetzung – Kommentar. Wien: Fassbaender, 2009.
  • Page, R. I.: Germanic Magic. London: Routledge, 1999.
  • Simek, Rudolf: Religion und Mythologie der Germanen. Stuttgart: Kröner, 2003.

Warum unsere Mythen zählen

Warum unsere Mythen zählen – auch wenn die Geschichtsbücher anderes sagen

Viele von uns kennen die Diskussion: „Aber war das wirklich so?“ – „Gab es diesen Hexenkult?“ – „Haben Göttinnenstatuen im Neolithikum tatsächlich unsere Ahninnen verehrt?“ Die historische Forschung ist heute vorsichtig geworden: Viele Geschichten, die uns inspiriert haben, lassen sich archäologisch nicht belegen oder gelten sogar als widerlegt.

Doch hier liegt ein entscheidender Punkt: Religion lebt nicht nur aus Archiven, sondern aus Mythen, Symbolen und Erzählungen, die Sinn stiften.

Alle Religionen erzählen Gründungsgeschichten. Juden erinnern sich an den Exodus, Christ*innen an das Leben Jesu, Muslime an die Offenbarung an Mohammed, Buddhisten an die Erleuchtung des Buddha. In allen Fällen sind Teile historisch schwer überprüfbar – und doch haben diese Mythen ihre jeweilige Religion stark und lebendig gemacht.

Unsere Geschichten erfüllen denselben Zweck. Sie geben uns eine Sprache für Erfahrungen mit Natur, Göttinnen und Göttern, Kreisläufen des Jahres und Wegen der Magie. Sie stiften Identität und Gemeinschaft.

Mythos bedeutet nicht Lüge. Ein Mythos ist eine „Erzählung von Bedeutung“. Er bringt etwas zur Sprache, das in Quellen vielleicht nicht greifbar ist, aber in Ritual und Spiritualität lebendig bleibt.

Wichtig ist, dass wir ehrlich mit unseren Quellen umgehen – also sagen: „Das ist eine inspirierende Erzählung“ statt „das ist ein gesicherter Fakt“. Damit entwerten wir unsere Spiritualität nicht, sondern zeigen Stärke.

Fazit: Auch wenn Historiker*innen Murray oder Gimbutas kritisch sehen – die Mythen, die daraus gewachsen sind, haben uns inspiriert, Wege zu finden, die Natur, die Göttinnen und Götter, und uns selbst neu zu feiern. In diesem Sinn sind sie genauso legitim wie die Gründungsmythen anderer Religionen.

Jenseits des „Götzendienstes“ – Die Bedeutung von Abbildungen und Götterstatuen

Der Vorwurf des „Götzendienstes“ gehört zu den ältesten und härtesten Abwertungen, mit denen monotheistische Religionen andere Glaubensformen belegt haben. Wer „Götzen“ verehre, so hieß es seit der Antike, bete lebloses Holz und kalten Stein an, statt den „wahren Gott“. Doch diese Vorstellung war nie eine faire Beschreibung polytheistischer Religiosität. Sie diente vielmehr der Abgrenzung und Diskreditierung. Ein Blick auf verschiedene Traditionen zeigt, dass Abbildungen und Statuen im Polytheismus nicht als bloße Gegenstände verstanden werden, sondern als Medien, durch die das Göttliche erfahrbar und präsent wird.

Ägypten: Wohnsitze der Götter

In der altägyptischen Religion waren die Statuen in den Tempeln keine Dekoration. Sie galten als Wohnsitze der Götter. Durch tägliche Rituale – Waschungen, Salbungen, Bekleidung, Opfergaben – wurde die göttliche Präsenz geehrt und am Leben gehalten. Die Gottheit war nicht im Material aus Holz oder Stein „eingeschlossen“, sondern ließ sich im Kult darin gegenwärtig machen. Die Statue war somit ein Tor, durch das Menschen in Beziehung zu den Mächten des Kosmos traten (vgl. Assmann 1984).

Hinduismus: Manifestationen des Göttlichen

Im Hinduismus spielen Götterbilder, sogenannte mūrti, bis heute eine zentrale Rolle. Sie werden nicht als „bloße Figuren“ verstanden, sondern als Manifestationen des Göttlichen. In speziellen Ritualen wie prāṇa-pratiṣṭhā wird die göttliche Lebensenergie eingeladen, im Bild gegenwärtig zu sein. Für Gläubige bedeutet die Begegnung mit einer Mūrti (darśan) nicht das Anstarren einer Figur, sondern das gegenseitige „Sehen“ von Gott und Mensch. So wird das Unsichtbare sichtbar, und das Göttliche tritt in Beziehung zur Gemeinschaft (vgl. Eck 1998).

Buddhismus: Bilder als Begegnung mit Erwachtem

Auch im Buddhismus sind Abbildungen nicht „Anbetung von Stein“. Sie verkörpern die Gegenwart des Erwachten. Eine Buddha-Statue dient als Fokuspunkt für Meditation, Andacht und Segenshandlungen. Gläubige entzünden Räucherwerk, legen Blumen nieder und verneigen sich – nicht vor dem Material, sondern vor der erleuchteten Wirklichkeit, die in dieser Gestalt greifbar wird. In der Praxis des darśan wird die Statue zum Medium der wechselseitigen Begegnung mit Buddha (vgl. Lopez 2004).

Nordisches Heidentum: Präsenz in den Heiligtümern

Aus Quellen wie Adam von Bremen oder archäologischen Funden wissen wir, dass Statuen von Odin, Thor oder Freyr in Heiligtümern wie Uppsala aufgestellt waren. Sie wurden mit Opfergaben wie Speisen, Trank oder Waffen geehrt. Die Menschen glaubten, dass die Götter durch die Rituale in den Figuren anwesend wurden. Die Statue selbst war Symbol und Fokus, nicht das Göttliche selbst (vgl. Price 2019).

Keltisches Heidentum: Idole in Hainen und Quellen

Die Kelten errichteten Holzidole, Masken und figürliche Darstellungen in heiligen Hainen oder an Quellenheiligtümern. Hier brachten sie Waffen, Schmuck oder Tieropfer dar. Auch diese Figuren waren Repräsentationen – Orte, an denen die Gottheit ansprechbar wurde, nicht Objekte selbständiger Verehrung (vgl. Green 1989).

Slawisches Heidentum: Mehrgesichtige Götterbilder

Besonders eindrücklich sind die slawischen Holzidole, etwa das viergesichtige Swantewit-Bild in Arkona. Es symbolisierte Allwissenheit und göttliche Präsenz in alle Himmelsrichtungen. Vor diesen Statuen fanden Feste, Opfer und Orakelhandlungen statt. Die Figur war Medium einer kosmischen Macht, nicht bloß Holz (vgl. Curta 2021).

Ein gemeinsames Muster

So verschieden die Traditionen sind, sie teilen eine Grundidee: Abbildungen und Statuen sind nicht die Gottheiten selbst, sondern Vermittler ihrer Präsenz. Sie sind Symbole, „Wohnsitze“, Manifestationen – Brücken zwischen sichtbarer Welt und unsichtbarem Göttlichen. Die Vorstellung, Gläubige würden „Steine anbeten“, ist eine grobe Verkürzung, die den religiösen Sinn verfehlt.

Fazit: Worte prägen unser Miteinander

Der Begriff „Götzendienst“ ist ein Relikt vergangener Machtkämpfe zwischen Religionen. Er beschreibt nicht, was Menschen in polytheistischen Traditionen wirklich tun, sondern entwertet und verzerrt ihre religiöse Praxis. Wer heute ernsthaft am interreligiösen Dialog teilnimmt, sollte diesen Kampfbegriff hinter sich lassen.

Denn Worte prägen unser Miteinander: Wer von „Götzendienst“ spricht, baut Mauern. Wer dagegen von „Manifestationen“, „Symbolen“ oder „Wohnsitzen des Göttlichen“ spricht, öffnet Türen. Respekt beginnt mit der Sprache – und führt zu echtem Verstehen.

Wenn wir den Frieden zwischen Religionen stärken wollen, dann verzichten wir auf alte Vorwürfe und lernen stattdessen, die Bilder der anderen als Brücken zum Göttlichen zu sehen.

Quellen

  • Assmann, Jan: Ägypten. Theologie und Frömmigkeit einer frühen Hochkultur. Stuttgart 1984.
  • Eck, Diana: Darśan: Seeing the Divine Image in India. 3. Aufl., New York 1998.
  • Lopez, Donald S.: Buddhism and the Visual Arts. Cambridge 2004.
  • Price, Neil: The Viking Way. Magic and Mind in Late Iron Age Scandinavia. 2. Aufl., Oxford 2019.
  • Green, Miranda J.: Symbol and Image in Celtic Religious Art. London 1989.
  • Curta, Florin: The Slavic Gods and Heroes. London 2021.
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