Verein für interreligiöse Bildung und Zusammenarbeit

Kategorie: Geschichte und Politik (Seite 3 von 6)

Ausführliche Fachkritik an typisch anti-paganer Darstellung

Analyse des Artikels „Paganismus“ im „Metzler-Lexikon Religion“

Quelle: Paganismus | SpringerLink

Der Text lässt sich gut als Produkt einer bestimmten, älteren religionswissenschaftlichen Perspektive einordnen: Er beschreibt zwar zutreffend, dass „pagan“ historisch als abwertender christlicher Fremdbegriff verwendet wurde, übernimmt aber genau diese Blickrichtung und blendet neuere Forschung sowie pagane Selbstdeutungen weitgehend aus. So entsteht ein stark christozentrischer Rahmen, der in seiner Wirkung ein paganen-feindliches Deutungsmuster reproduziert.

Im Folgenden die wichtigsten Kritikpunkte.


1. Reduktion des Begriffs „paganus“ auf das Klischee vom unzivilisierten Landbewohner

Der Text wiederholt die bekannte These, in der Spätantike seien „noch nicht christianisierte Landbewohner, Dörfler und Bauern“ mit pagani bezeichnet worden. Diese Erklärung war zwar lange verbreitet, wird in der neueren Forschung aber deutlich differenzierter gesehen.

Philologisch ist paganus zunächst ein sozial-räumlicher Begriff („zum pagus gehörig, Dorfbewohner“) und zugleich ein militärischer („Zivilist“ im Gegensatz zum miles). Erst im 4.–5. Jahrhundert gewinnt er in christlichen Kontexten die Bedeutung eines religiösen Gegenbegriffs zu „Christ“. Die verbreitete Gleichsetzung „pagan = ländlich zurückgebliebener Heide“ ist damit selbst ein Produkt christlicher Polemik und sozialer Herabsetzung – also gerade jener Diskurse, die der Text zwar benennt, dann aber weitgehend unreflektiert als neutralen Sachverhalt wiedergibt.

Schon in der Formulierung „noch nicht christianisierte Landbewohner“ steckt das christliche Fortschrittsnarrativ, nach dem das Christentum die Norm ist und Nicht-Christen den Defizitfall darstellen. Eine moderne begriffsgeschichtliche Darstellung würde dagegen deutlich betonen,

  • dass der „Landbewohner-Topos“ Teil eines christlichen Stereotyps ist und nicht einfach nüchterne Sozialbeschreibung,
  • dass der militärische Sprachgebrauch („Zivilist“ vs. „Soldat Christi“) für das Verständnis des Begriffs ebenso wichtig ist,
  • und dass die Verbindung von sozialer, militärischer und religiöser Bedeutung das Ergebnis eines spezifisch christlichen Deutungsprozesses ist.

Der Text stellt hingegen eine umstrittene, historisch belastete christliche Deutung als sachliche Begriffsgeschichte dar und trägt damit das alte Abwertungsmuster fort.


2. Negativdefinition über die „christlichjüdische Tradition“ und Ausblendung paganer Selbstdeutungen

Im Kern wird „pagan“ so definiert, dass es religiöse Formen bezeichnet, „die nicht im Zusammenhang der christlichjüdischen Überlieferung“ stehen oder diesen Kontext ablehnen. Paganismus erscheint damit ausschließlich negativ – als das, was „nicht christlichjüdisch“ ist. Eigene positive Inhalte paganer Religiosität – etwa Theologie, Ritualpraxis oder Ethik – bleiben unsichtbar.

Diese Negativdefinition widerspricht neueren Ansätzen in den Pagan Studies. So schlagen etwa Michael York und andere vor, Paganismus als Oberbegriff für Traditionen zu verstehen, die durch Polytheismus, Animismus, eine positive Haltung zur Leiblichkeit und eine diesseitig ausgerichtete Religiosität gekennzeichnet sind – unabhängig davon, ob sie von christlichen Autoren jemals „pagan“ genannt wurden. Graham Harvey beschreibt „contemporary Paganism“ vor allem über positive Merkmale: eine als heilig verstandene Natur, rituelle Kreativität, Alltags-Sakramentalität und Beziehungsorientierung.

Die seit den 1990er Jahren entstehende Paganforschung geht gerade von der Einsicht aus, dass moderne pagane Religionen nicht länger nur als „Nicht-Christentum“ konstruiert werden dürfen, sondern mit denselben methodischen Standards zu analysieren sind wie Christentum, Islam oder Buddhismus.

Auch der Begriff „christlichjüdische Tradition“ ist problematisch. Historisch ist „judeo-christian“ eine relativ junge politische Formel des 19./20. Jahrhunderts, die reale theologische Konflikte und eine lange Geschichte christlichen Antijudaismus überdeckt und häufig dazu dient, eine imaginierte „westliche Wertegemeinschaft“ von „anderen“ (etwa dem Islam oder säkularen Positionen) abzugrenzen. Wenn der Text Paganismus ausschließlich als Gegenpol zu dieser ohnehin ideologisch geladenen Konstruktion beschreibt, übernimmt er unkritisch die Grenzziehung, die heidnische Religionen seit der Spätantike an den Rand gedrängt hat. Das ist keine neutrale Beschreibung, sondern eine Wiederaufnahme des alten Freund-Feind-Schemas in wissenschaftlicher Sprache.


3. Verzerrtes Bild moderner paganer Religionen: Fokus auf Nativismus und „vermeintliche“ Traditionen

Besonders deutlich wird die Einseitigkeit im Abschnitt zu Paganismus/Neopaganismus. Dort heißt es, beide Begriffe bezögen sich auf Bewegungen, die sich „ihrem Eigenverständnis nach“ in Gegensatz zur „christlichjüdischen Tradition“ setzen und auf „vermeintlich vorchristlich-indigene“ Elemente zurückgreifen: Nativismus-Ideologien, „Zurück-zur-Natur“- und Ökologie-Bewegungen, Gruppen mit „vermeintlich urzeitlichen“ germanischen oder keltischen Traditionen oder einer rein antichristlichen Haltung.

Darin liegen gleich mehrere Verzerrungen:

  1. Überbetonung von Nativismus und Nationalismus
    Es ist unbestritten, dass es neuheidnische Strömungen gibt, die mit völkischem Nationalismus, ethnischer Ideologie oder nativistischen Konzepten verknüpft sind – etwa Teile des slawischen Rodnovery oder bestimmte rechtsextreme Varianten germanischen Neuheidentums. Die Forschung zeigt aber ebenso deutlich, dass diese Strömungen nur einen Ausschnitt eines sehr breiten Spektrums bilden. Die Standardliteratur zu Wicca, Goddess-Spiritualität, Druidentum, Reclaiming, Ásatrú und verwandten Bewegungen beschreibt überwiegend Milieus, die eher mit Feminismus, Umweltschutz, basisdemokratischen Experimenten und pluralistischen Religionsmodellen verknüpft sind. Überblickswerke und Sammelbände machen deutlich, dass moderne paganische Religionen in vielen Ländern demokratisch organisiert sind, rechtliche Anerkennung genießen und am interreligiösen Dialog teilnehmen. Der Text blendet diese Breite fast vollständig aus und zeichnet Paganismus vor allem als ideologisch verdächtige Randerscheinung.
  2. „Vermeintlich“ als pauschale Delegitimierung
    Wenn von „vermeintlich vorchristlich-indigenen“ oder „vermeintlich urzeitlichen“ Traditionen die Rede ist, wird eine berechtigte historische Kritik in eine generelle Abwertung umgelenkt. Dass viele neuheidnische Strömungen ihre historischen Wurzeln idealisieren und Kontinuitäten behaupten, die empirisch so nicht haltbar sind, ist gut belegt – Ronald Hutton hat etwa überzeugend gezeigt, dass Wicca keine direkte Fortsetzung eines vormodernen Hexenkults ist, sondern eine Religion des 20. Jahrhunderts. Seriöse Forschung verbindet diese Entzauberung von Traditionsbehauptungen jedoch fast immer mit der Anerkennung, dass es sich gleichwohl um eigenständige, religiös kreative Bewegungen handelt. „Erfundene Traditionen“ im Sinne Eric Hobsbawms finden sich in fast allen Religionen – von christlichen Weihnachtsbräuchen über nationale Mythen bis zu modernen buddhistischen Reformen. Der hier kritisierte Text markiert „vermeintliche“ Traditionen jedoch ausschließlich beim Paganismus und erzeugt so den Eindruck, gerade pagane Religionen seien besonders uneigentlich, künstlich oder ideologisch konstruiert. Das ist ein klassisches Muster paganen-feindlicher Darstellung.
  3. Reduktion auf Anti-Christentum statt positive Selbstbeschreibung
    Die Behauptung, diese Bewegungen stellten sich „ihrem Eigenverständnis nach“ vor allem in den Gegensatz zur „christlichjüdischen Tradition“, verzerrt die empirische Lage. Viele Pagane definieren sich nicht primär als Gegenbewegung, sondern über positive Inhalte: Naturspiritualität, Polytheismus, animistische Weltbilder, rituelle Arbeit mit Jahreskreisfesten, bestimmte Verständnisse von Körperlichkeit, Geschlecht, Gemeinschaft und Verantwortung für mehr-als-menschliche Welten. Natürlich gibt es ausdrücklich antichristliche Strömungen, etwa dort, wo Menschen persönliche Traumata durch Kirchenmissbrauch oder fundamentalistische Erziehung verarbeiten. Aber die pauschale Aussage, gerade dies sei das „Eigenverständnis“ von Paganismus und Neopaganismus, ignoriert die Vielfalt der Selbstaussagen und spricht erneut über Pagane, statt ihre eigenen Stimmen ernst zu nehmen.

4. Ignorierte Forschung zur sozialen Realität modernen Heidentums

Zum Entstehungszeitpunkt des Textes lagen bereits zahlreiche ethnographische und soziologische Studien über neuheidnische Gruppen vor, auch im deutschsprachigen Raum. Arbeiten von Margot Adler, Helen Berger, Michael Strmiska, Jenny Blain, Sabina Magliocco und anderen zeigen die soziale Differenziertheit moderner paganer Szenen und die Komplexität ihrer internen Debatten – etwa zu Rassismus, Gender, Rekonstruktion vs. Eklektizismus und politischer Positionierung.

Für Deutschland liegen u.a. detaillierte Feldstudien von Sebastian Krebel und René Gründer vor, die unterschiedliche Strömungen wie Wicca, Ásatrú, germanisches Neuheidentum, Frauenspiritualität und andere untersuchen. Diese Studien weisen nach, dass

  • modernes Heidentum sozial breit gestreut ist (von akademisch gebildeten Städterinnen bis zu Handwerkerinnen, von links-ökologisch bis konservativ),
  • pagane Gruppen über ausgeprägte interne Reflexions- und Kritikdiskurse verfügen,
  • und sich weder auf nationalistische Varianten noch auf stereotype „Zurück-zur-Natur“-Romantik reduzieren lassen.

Der Text ignoriert diese Forschung weitgehend und knüpft damit implizit an ältere christliche Apologetik und sektologische Polemik an. In der Folge verfestigt er ein Bild, in dem Pagane vor allem Objekte christlicher Bewertung bleiben und nicht als eigenständige religiöse Akteure erscheinen.


5. Ausblendung der demographischen und rechtlichen Realität

Religionssoziologisch zeichnet der Text ein überholtes Bild. Bereits um die Jahrtausendwende sprechen Studien von mehreren Millionen Anhänger*innen neuheidnischer Religionen weltweit; Wicca und verwandte Strömungen gelten in manchen Ländern als zahlenmäßig bedeutsame religiöse Minderheiten. Michael York und andere argumentieren, dass Paganismus – in einem weiteren, typologischen Sinn – heute zu den relevanten „Weltreligionsfamilien“ gezählt werden kann.

Zugleich wird in der Forschung hervorgehoben, dass pagane Religionen in pluralen Demokratien zunehmend

  • öffentlich sichtbar sind,
  • rechtlich als Religionsgemeinschaften anerkannt werden,
  • in interreligiösen Gremien vertreten sind,
  • und in der Religionswissenschaft als legitime Forschungsgegenstände etabliert wurden.

Das vom Text entworfene Bild einer randständigen, kulturell defizitären „Zurück-zur-Natur“- oder Nativismusbewegung wird dieser Lage nicht gerecht. Es unterschlägt die Konsolidierung paganer Religionen als normaler Bestandteil religiöser Pluralität.


Fazit

In der Zusammenschau ergibt sich ein deutliches Urteil:

  • Der Text benennt zwar den polemischen Gebrauch von „pagan“ in der christlichen Tradition, übernimmt diesen aber weitgehend und wiederholt soziale und kulturelle Stereotype, statt sie kritisch zu analysieren.
  • Er definiert Paganismus ausschließlich negativ als „Nicht-Christentum“ bzw. Gegenpol zur „christlichjüdischen Tradition“ und blendet damit systematisch die positiven Selbstbeschreibungen paganer Religionen aus.
  • Moderne pagane Bewegungen werden einseitig über Nativismus, vermeintliche Kulturdefizite und Anti-Christentum typisiert; ihre empirisch nachweisbare Vielfalt, ihre inneren Debatten und ihre religiöse Kreativität bleiben unsichtbar.
  • Umfangreiche internationale und deutschsprachige Forschung zu modernem Heidentum findet keine Berücksichtigung, sodass Pagane weiterhin vor allem als Objekte christlicher Abgrenzung erscheinen.

Gerade durch diese Kombination entsteht ein deutlich einseitiges und in der Wirkung paganen-feindliches Narrativ: Paganismus wird nicht als gleichwertige religiöse Option in einer pluralen Gesellschaft dargestellt, sondern als abweichende, defizitäre und ideologisch problematische Größe, deren Selbstdeutungen von vornherein als „vermeintlich“ abqualifiziert werden. Eine aktuelle, wissenschaftlich balancierte Darstellung müsste demgegenüber sowohl die historische Belastung des Kampfbegriffs „pagan“ als auch die emische Vielfalt und Legitimität moderner paganer Religionen sichtbar machen – und Pagane nicht länger nur durch das Auge der christlich geprägten Mehrheitskultur betrachten.


Quellen (Auswahl)

  • Adler, Margot: Drawing Down the Moon. Witches, Druids, Goddess-Worshippers, and Other Pagans in America Today. Rev. ed. New York 2006.
  • Berger, Helen A.: A Community of Witches. Contemporary Neo-Paganism and Witchcraft in the United States. Columbia, SC 1999.
  • Blain, Jenny: Nine Worlds of Seid-Magic. Ecstasy and Neo-Shamanism in North European Paganism. London/New York 2002.
  • Gründer, René: Germanisches (Neu-)Heidentum in Deutschland. Eine religionsethnologische Studie. Bielefeld 2010; sowie weitere einschlägige Aufsätze.
  • Harvey, Graham: Contemporary Paganism. Listening People, Speaking Earth. 2. Aufl. New York 2007.
  • Hobsbawm, Eric / Ranger, Terence (Hg.): The Invention of Tradition. Cambridge 1983.
  • Hutton, Ronald: The Triumph of the Moon. A History of Modern Pagan Witchcraft. Oxford 1999.
  • Krebel, Sebastian: Modernes Heidentum in Deutschland. Ethnographische Erkundungen einer religiösen Landschaft. (Dissertation; diverse Aufsätze).
  • Magliocco, Sabina: Witching Culture. Folklore and Neo-Paganism in America. Philadelphia 2004.
  • Strmiska, Michael F. (Hg.): Modern Paganism in World Cultures. Comparative Perspectives. Santa Barbara 2005.
  • York, Michael: Pagan Theology. Paganism as a World Religion. New York 2003.
  • Zur Entstehung und politischen Verwendung des Begriffs „judeo-christian tradition“ siehe etwa: Greenberg, Udi: The Weimar Century. German Émigrés and the Ideological Foundations of the Cold War. Cambridge 2015; diverse Aufsätze zur Begriffsgeschichte.

Der Jul- oder Yulekranz

Der sogenannte Jul- oder Yulekranz ist heute ein verbreitetes Element winterlicher Dekoration im Umfeld der Wintersonnenwende, des Weihnachtsfestes sowie moderner heidnischer Yule-Feiern. Oft wird er als Kreis aus immergrünen Zweigen gestaltet und mit Kerzen oder Bändern geschmückt. Historisch jedoch lässt sich ein solcher Kranz nicht eindeutig als fester Bestandteil des vorchristlichen Julfestes belegen. Zwar sind aus der germanischen und skandinavischen Winterritualtradition verschiedene Elemente überliefert – darunter das Entzünden großer Feuer, kultische Handlungen, Festmahle und die symbolische Bedeutung der Rückkehr des Lichts –, doch nennen die Quellen keinen konkreten Kranzbrauch als Teil der altnordischen Julfeiern.

Immergrüne Pflanzen spielten im europäischen Winterbrauchtum seit Jahrhunderten eine Rolle, da sie im Dunkel der Jahreszeit Lebenskraft und Beständigkeit symbolisierten. Auch der Kreis war in vielen alten Kulturen ein Sinnbild für Unendlichkeit, Jahreszyklus und Leben. Solche Sinnzuschreibungen erklären, warum ein Kranz aus immergrünen Zweigen heute als passendes Symbol für Yule empfunden wird. Dennoch handelt es sich überwiegend um eine moderne Weiterentwicklung und nicht um ein historisch belegtes Ritual des alten Julfestes. Der heutige Julkranz ist damit primär ein Symbol, das ältere Formen der Winterdekorationen aufgreift und neu interpretiert – sowohl im weihnachtlichen als auch im neuheidnischen Kontext.

Hat der Nationalsozialismus den „Julkranz“ erfunden?

Ein verbreiteter Irrtum ist die Vorstellung, der Julkranz stamme aus der Zeit des Nationalsozialismus. Tatsächlich gibt es keine Quelle, die besagt, dass ein solcher Kranz von den Nationalsozialisten erfunden oder ideologisch neu eingeführt wurde. Kränze aus immergrünen Zweigen waren lange vorher in Europa verbreitet – als Winter- und Weihnachtsdekoration oder als allgemeines Symbol für Leben und Jahreskreis.

Wichtig ist die Abgrenzung zum Julleuchter, einem Kerzenhalter, der in der NS-Zeit gezielt als ideologisch aufgeladenes Ritualobjekt geschaffen und verbreitet wurde. Der Julleuchter wurde seit Mitte der 1930er-Jahre von der SS produziert und an Mitglieder als Auszeichnung vergeben. Er gehörte zum Versuch, ein „germanisch“ inspiriertes, staatliches Winterfest zu etablieren. Dieses Objekt ist klar eine NS-Neuschöpfung – der Julkranz hingegen nicht. Die Gleichsetzung beider Begriffe entsteht häufig aus Unkenntnis, ist aber historisch unzutreffend.

Der Julkranz ist somit ein modernes Symbol, das vor allem im 20. und 21. Jahrhundert im Rahmen winterlicher Natur- und Jahreskreisdeutungen Bedeutung gewonnen hat, ohne dass er mit dem ideologisch motivierten NS-Julleuchter verwechselt werden darf.

Quellen

Encyclopaedia Britannica: „Yule – festival“

Sheposh, J. (EBSCO Research Starters): „Yule Festival“

LARPD: „The History of Wreaths“

Academia.edu: „Wreath – its use and meaning in ancient visual culture“

Time Magazine: „Christmas Wreaths Are a Classic Holiday Decoration With a Surprisingly Deep History“

Universität Wien: Beitrag zur Geschichte des NS-Julleuchters

Wikipedia (als Überblicksquelle): „Julleuchter“, „Julfest“

Woher stammt die Idee der Demokratie?

Ein historischer Überblick von der Antike bis zur Moderne

Die Vorstellung, dass politische Macht vom Volk ausgehen könne, ist heute in vielen Teilen der Welt selbstverständlich. Historisch jedoch war diese Idee alles andere als selbstverständlich. Demokratie ist kein Produkt einer einzelnen Epoche oder Kultur, sondern entstand aus mehreren, weit auseinanderliegenden politischen Traditionen – und musste sich gegen erheblichen Widerstand durchsetzen, besonders durch Institutionen, die auf hierarchische Machtstrukturen setzten. Dazu gehörten über viele Jahrhunderte vor allem christliche Kirchen, die demokratische Ordnungen erst sehr spät akzeptierten.

Demokratie im antiken Griechenland – der Ursprung des Begriffs

Ihre bekannteste und sprachlich prägende Wurzel findet die Demokratie im antiken Athen. Dort entstand im 5. Jahrhundert v. Chr. der Begriff demokratía, zusammengesetzt aus dêmos (Volk) und kratos (Macht, Herrschaft). Diese Form der Staatsordnung war durch direkte Beteiligung der Bürger gekennzeichnet: In der Volksversammlung entschieden sie über Gesetze, Krieg und Frieden, über Finanzfragen und über die Kontrolle der Amtsträger.

Die Reformen von Kleisthenes (508/507 v. Chr.) gelten als entscheidender Wendepunkt. Sie schufen eine politische Struktur, in der Macht nicht vererbt wurde, sondern verteilt und kontrolliert sein sollte. Das Losverfahren, ein zentraler Bestandteil der attischen Demokratie, sollte verhindern, dass politische Ämter zu Einflussmonopolen wurden.

Natürlich war auch diese Demokratie begrenzt: Frauen, Versklavte und Nichtbürger waren ausgeschlossen. Dennoch entwickelte Athen zentrale Prinzipien, die später zu den Grundpfeilern moderner Demokratien wurden – öffentliche Debatte, Gemeinwohlorientierung, Gewaltenteilung und politische Verantwortlichkeit.

Römische Republik – ein anderes Modell politischer Teilhabe

Parallel zum griechischen Modell entwickelte sich in Rom ein republikanischer Staatsaufbau, der zwar keine Demokratie im griechischen Sinne war, aber dennoch wichtige Impulse für spätere Verfassungen gab. Die römische Republik basierte auf einer Mischform aus monarchischen, aristokratischen und volkstümlichen Elementen: Konsuln, Senat und Volksversammlungen bildeten ein System gegenseitiger Kontrolle.

Die Volksversammlungen (comitia) konnten Gesetze beschließen, Magistrate wählen und als Gericht agieren. Gleichzeitig betonte die römische politische Kultur das Gemeinwesen (res publica) und die Verantwortung des Bürgers. Diese Ideen wurden im Mittelalter zwar selten gelebt, aber in Renaissance und Aufklärung wiederentdeckt und für moderne Republiken wegweisend.

Things und Stammesversammlungen – europäische Traditionen politischer Selbstbestimmung

Während die mediterranen Hochkulturen ihre eigenen Formen der politischen Beteiligung entwickelten, gab es nördlich der Alpen politische Strukturen, die man mitunter als „frühdemokratisch“ bezeichnen kann. In germanischen, keltischen und skandinavischen Gesellschaften wurden Entscheidungen häufig in Versammlungen freier Menschen getroffen – in den sogenannten Things (Þing, Ting).

Das althingische Parlament Islands, das ab 930 n. Chr. belegt ist und bis heute existiert, gilt als eines der ältesten parlamentarischen Systeme der Welt. Doch auch auf dem Kontinent hatten die Dinge zentrale Bedeutung: Sie entschieden über Konflikte, Rechtsprechung, Bündnisse und die Bestätigung oder Absetzung von Anführern. Führung war ohne Zustimmung der Gemeinschaft kaum vorstellbar.

Diese Versammlungen zeigen, dass politische Partizipation kein ausschließlich mediterranes Phänomen war. In vielen europäischen Stammeskulturen war Konsensfindung, Beteiligung und Mitbestimmung ein integraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens.

Warum Demokratie dennoch erst spät zur dominanten Staatsform wurde

Trotz dieser vielfältigen Ursprünge dauerte es bis in die Neuzeit, ehe demokratische Systeme dauerhaft entstehen konnten. Ein Hauptgrund dafür war die Vormachtstellung hierarchischer politischer und religiöser Strukturen.

Besonders entscheidend war der Einfluss der christlichen Kirchen. Über viele Jahrhunderte legitimierten sie monarchische und feudale Systeme und verstanden politische Herrschaft als gottgegeben. Das biblische Leitmotiv „Jedermann sei untertan der Obrigkeit“ (Römer 13,1) wurde zur theologischen Grundlage autoritärer Ordnungen.

Kirchliche Ablehnung der Demokratie – ein historischer Befund

Schon im Mittelalter verstand sich die Kirchenhierarchie selbst als streng monarchisch organisiert. Papsttum und Bischofskirche waren nicht nur religiöse, sondern politische Autoritäten. Demokratische Entscheidungsprozesse galten als gefährlich, unordentlich oder theologisch unzulässig.

Diese Haltung setzte sich bis in die Neuzeit fort. Besonders deutlich formulierte dies Papst Pius IX. im „Syllabus Errorum“ von 1864, in dem er Volkssouveränität, Religionsfreiheit, Gewaltenteilung und demokratische Staatsmodelle ausdrücklich verurteilte. Auch viele protestantische Kirchen standen parlamentarischen Systemen lange Zeit ablehnend gegenüber und unterstützten autoritäre Ordnungen – etwa im Kaiserreich oder in frühen Phasen der Weimarer Republik.

Erst im 20. Jahrhundert, besonders nach den Katastrophen zweier Weltkriege, passten sich die meisten Kirchen schrittweise demokratischen Prinzipien an. Die positive Bewertung der Demokratie durch kirchliche Institutionen ist daher ein relativ junges Phänomen und resultiert aus gesellschaftlicher Veränderung, nicht aus theologischer Tradition.

Fazit: Demokratie ist ein kulturelles Mosaik – und kein kirchliches Erbe

Die Geschichte der Demokratie zeigt, dass dieses politische Prinzip nicht auf eine einzige Kultur zurückgeht. Es ist das Ergebnis eines Zusammenspiels verschiedener Traditionen:

  • Das antike Griechenland prägte Begriff und Idee politischer Selbstbestimmung.
  • Die römische Republik lieferte Strukturen, Rechtsvorstellungen und republikanische Tugenden.
  • Die europäischen Things demonstrierten basisorientierte Entscheidungsformen und kollektive Verantwortlichkeit.

Diesen vielfältigen Ursprüngen stand über viele Jahrhunderte eine mächtige Kraft entgegen: die kirchliche Ablehnung demokratischer Systeme, die erst in der Moderne aufgebrochen wurde.

Demokratie ist daher ein historisch breit verankertes, zutiefst menschliches Projekt – entstanden aus der Erfahrung vieler Kulturen, dass politische Macht Legitimation durch die Gemeinschaft braucht.


Quellen und Literaturhinweise

Antike Demokratie und Republik

  • Moses I. Finley: Democracy Ancient and Modern.
  • Christian Meier: Die Entstehung des Politischen bei den Griechen.
  • Fergus Millar: The Crowd in Rome in the Late Republic.

Thing-Traditionen und europäische Stammesversammlungen

  • Jón Viðar Sigurðsson: Viking Friendship and the Icelandic Commonwealth.
  • Stefan Brink (Hg.): The Viking World.
  • Rudolf Simek: Religion und Mythologie der Germanen (zu gesellschaftlichen Strukturen).

Kirche und Demokratiegeschichte

  • Hans Maier: Kirche und Demokratie.
  • Hubert Wolf: Der Unfehlbare? Pius IX. und der Untergang des Kirchenstaates.
  • John W. O’Malley: A History of the Popes.

Allgemeine Überblickswerke

  • John Dunn: Setting the People Free: The Story of Democracy.
  • David Stasavage: The Decline and Rise of Democracy (vergleichende Weltgeschichte).

Religiöse Vielfalt, Narrative – und was wir für eine bessere Zusammenarbeit in Berlin brauchen

Rede auf der Fachtagung zu DialogPlus: WISSENSCHAFFTWIRKUNG
„Perspektiven für starke Religionsgemeinschaften“

18. November 2025, 15.30 Uhr

Liebe Anwesende,

sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung und den verschiedensten Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften,

wenn wir heute über religiöse Vielfalt in Berlin sprechen, sehen wir eine Stadt, die bunter ist als je zuvor.

Doch wir sehen auch, dass die Zusammenarbeit zwischen Politik, Verwaltung und religiösen Gemeinschaften nicht immer so gelingt, wie sie könnte. Ein zentraler Grund dafür sind Narrative – Erzählmuster, die oft unbemerkt unsere Wahrnehmung und Entscheidungen beeinflussen.

Diese Narrative sind nicht unbedingt böswillig.

Sie entstehen aus Zeitdruck, aus Gewohnheit oder aus fehlendem Wissen über die enorme Differenzierung zwischen und innerhalb religiöser Traditionen.

Und trotzdem können sie sehr reale Folgen haben – für Förderentscheidungen, für Anerkennungsprozesse, für Teilhabechancen.

Ich möchte heute drei Dinge tun:

  1. zeigen, was uns aktuell in der Zusammenarbeit fehlt,
  2. benennen, was wir konkret brauchen,
  3. und erklären, wie wir Narrative mit einer klaren Checkliste besser erkennen und neutralisieren können.

1. Was uns aktuell in der Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung fehlt

1.1. Differenzierung statt Schubladen

Viele religiöse Gruppen erleben, dass sie zunächst als Teil eines Narrativs wahrgenommen werden:

  • Muslime als Sicherheitsrisiko.
  • Pagane als „nicht richtige Religion“ oder pauschal „Verdächtig rechts“
  • – Religiöse Gruppen allgemein als potenzielle Konfliktquelle.

Das verzerrt Gespräche schon, bevor sie beginnen.

1.2. Transparente, nachvollziehbare Maßstäbe

Oft ist unklar, wie Förderentscheidungen zustande kommen oder nach welchen Kriterien eine Gruppe als relevant oder kooperationsfähig gilt.

1.3. Klare und verlässliche Zuständigkeiten

Wer ist ansprechbar – und wirklich zuständig? Diese Frage klärt sich in Berlin häufig erst nach mehreren Weiterleitungen.

1.4. Fachwissen über religiöse Vielfalt

Die meisten Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter sind hoch engagiert, aber ihnen fehlt oft strukturelle Unterstützung: Überblick über kleinere Religionen, interne Vielfalt, rechtliche Besonderheiten, historische Zusammenhänge.

2. Was wir konkret brauchen, um wirkungsvoller arbeiten zu können

2.1. Stabilere Ansprechstellen

Ein Büro oder Kompetenzzentrum, das religiöse Vielfalt wirklich kennt und jede Gruppe ernst nimmt, unabhängig von Größe oder Bekanntheitsgrad. In der Hand des Landes.

2.2. Verlässliche Kriterien für Förderung und Kooperation

Entscheidungen müssen prüfbar und nachvollziehbar sein – und für alle Religionen in gleicher Weise gelten.

2.3. Einbindung in Prozesse statt punktueller Konsultation

Kleine Gemeinschaften dürfen nicht nur „angehört“, sondern sollten als Partner eingebunden werden. Sie sind auch keine bunte Dekoration am Rand.

2.4. Schulungsangebote für Verwaltung und Politik

Kurze, praxisorientierte Formate reichen oft schon, um Narrative zu entlarven und differenziertes Wissen aufzubauen.

3. Ein Beispiel aus der Praxis

Eine kleine heidnische Gemeinschaft bewirbt sich für eine interreligiöse Veranstaltung in Berlin. Die erste Rückmeldung:

„Wir fördern nur anerkannte Religionsgemeinschaften.“

Im späteren Gespräch stellt sich heraus:
Es gibt gar keine solche Regel. Es handelte sich um ein erzählerisches Muster – ein unbewusstes Narrativ, das aus der Vorstellung entstanden ist, nur die großen Religionen seien „richtig“, während kleinere eher kulturelle Vereine seien oder gar suspekt.

Rechtlich gibt es in Deutschland keine „Anerkennung“, es gibt Körperschaften, die Voraussetzungen haben kleinere Religionsgemeinschaften nicht und sind oft nur Vereine.

Nach mehreren Gesprächen wird der Antrag schließlich bewilligt – aber nur, weil einzelne Mitarbeitende sich intensiv gekümmert haben.

Dieses Beispiel zeigt, wie stark Narrative Entscheidungen prägen – und wie viel Engagement nötig ist, um sie zu korrigieren.

4. Die Narrative-Checkliste – ein Werkzeug, das sofort hilft

  1. Faktenbasis prüfen:
    Stimmt die Annahme – oder ist sie nur oft gehört worden?
  2. Quellenlage klären:
    Kommt das Wissen aus direkten Kontakten?
    Oder aus Medienberichten, Hörensagen, eigenen Vorurteilen?
  3. Pauschalisierungen erkennen:
    Wird eine große Gruppe für das Verhalten einzelner verantwortlich gemacht? Behandeln wir da alle gleich?
  4. Komplexität zulassen:
    Gibt es interne Vielfalt, Strömungen, Differenzen?
    Wird sie berücksichtigt?
  5. Selbstreflexion:
    Welche eigene Erfahrung oder Prägung beeinflusst meine Wahrnehmung?
  6. Vergleichstest:
    Würde ich dieselben Maßstäbe auch auf Mehrheitsreligionen und Kirchen anwenden?
  7. Wirkungsanalyse:
    Welche Wirkung hätte ein unreflektiertes Narrativ – z. B. bei Förderungen, Räumen, Kooperationen?
  8. Betroffene einbeziehen:
    Wurden Vertreter*innen der betroffenen Gemeinschaft einbezogen oder nur über sie gesprochen?

Diese Checkliste ist kein akademisches Konstrukt – sie spart Zeit, verhindert Missverständnisse und erhöht die Fairness administrativer Entscheidungen erheblich.

5. Wie lässt sich die Zusammenarbeit in Berlin verbessern?

5.1. Aufbau eines Kompetenzzentrums für religiöse Vielfalt

Ein Ort, der Wissen bündelt, Ansprechpartner*innen ausbildet und Verwaltung, Politik und Gemeinschaften gleichermaßen unterstützt.

Wissenschaftlich fundiert, nicht auf religiös einseitige Sektenbeauftragte zurückgreifend.

5.2. Klare Dialogstrukturen

Regelmäßige Austauschformate, verbindliche Arbeitskreise und transparent dokumentierte Ergebnisse. Darin sind echte demokratische Prozesse nötig, was Minderheitenschutz beinhaltet.

5.3. Gleichbehandlung aller Religionen

Nicht Größe, Bekanntheit oder Tradition, sondern Tatsachen und gesellschaftliche Beiträge sollten zählen. Gezielte Förderung kleinerer Gemeinschaften, da diese eben keine eigenen Reserven haben.

5.4. Gemeinsame Projekte fördern

Wenn religiöse Gemeinschaften gemeinsam Veranstaltungen, Bildungsarbeit oder soziale Projekte umsetzen, entsteht Vertrauen – auch jenseits der bekannten großen Akteure. Das muss aber begleitet werden, um zu vermeiden, dass wieder ein Gefälle gegen kleinere entsteht.

5.5. Narrative-Checks als Standard in Entscheidungsprozessen

Ein kurzer Blick auf die Checkliste verhindert, dass alte Bilder neue Ungerechtigkeiten erzeugen.

Zum Schluss

Wenn wir Narrative erkennen und kritisch prüfen, gewinnen wir Klarheit.

Wenn wir Strukturen schaffen, die alle Religionen gleichermaßen ernst nehmen, gewinnen wir Gerechtigkeit.

Und wenn wir Zusammenarbeit nicht dem Zufall überlassen, sondern aktiv gestalten, gewinnt Berlin.

Gewinnt Berlin, gewinnen wir alle.

Die religiöse Vielfalt dieser Stadt ist kein Problem, das man verwalten muss – sie ist ein Potential, das man entfalten kann. Aber das gelingt nur, wenn wir bereit sind, Narrative zu hinterfragen und Strukturen zu stärken.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Westliche Werte: Ein vielstimmiges Erbe

Warum sie nicht vom Fortbestand des Christentums abhängen

Immer wieder wird behauptet, die westliche Zivilisation sei im Kern christlich – und ihr Überleben hänge direkt vom Fortbestehen des Christentums ab. Der zugrunde liegende Text vertritt genau diese These: Wenn die Kirchen leer werden, verschwinde auch der Westen. „Kulturchristentum“ wird als Rettung präsentiert.

Daher bedarf ein Artikel wie dieser in der „Welt“ von heute eines deutlichen Kommentares:

„Wenn das Christentum verschwindet, verschwindet auch der Westen“

Ein Blick in die Ideengeschichte zeigt jedoch ein deutlich anderes Bild. Der Westen ist das Ergebnis einer langen, vielfältigen und oft konfliktreichen Entwicklung, an der viele Kulturen beteiligt waren – und in der das Christentum nur eine von mehreren prägenden Strömungen ist.


1. Westliche Werte haben viele Quellen – nicht nur christliche

Der Ursprung zentraler westlicher Werte wie Demokratie, Menschenrechte, Menschenwürde und wissenschaftlicher Rationalität lässt sich historisch nicht auf das Christentum reduzieren. Sie entstanden durch:

  • griechische Demokratie,
  • römisches Recht,
  • stoische Philosophie,
  • jüdische Ethik,
  • islamische Wissenschaft,
  • Renaissance-Humanismus,
  • Aufklärung und Revolutionen,
  • soziale Bewegungen und Emanzipationskämpfe.

Christliche Strömungen haben zu manchen Entwicklungen beigetragen – aber sie waren weder die einzige noch die bestimmende Quelle.


2. Demokratie: ein antikes, nicht ein christliches Projekt

Der Ausgangstext deutet Demokratie als Erbe christlicher Moral. Historisch jedoch:

  • Entstand Demokratie Jahrhunderte vor dem Christentum in Griechenland.
  • Wurde in der römischen Republik weiterentwickelt.
  • Existierte in germanischen Thing-Versammlungen lange vor der Christianisierung.

Die Kirchen selbst lehnten demokratische Ideen über viele Jahrhunderte ab. Die Volkssouveränität, Religionsfreiheit und Pressefreiheit wurden im 19. Jahrhundert offiziell durch den Vatikan verurteilt. Erst im 20. Jahrhundert passten sich Kirchen der Demokratie an – als diese längst von säkularen Kräften durchgesetzt war.


3. Menschenrechte: ein Kind der Aufklärung, nicht der Dogmatik

Die modernen Menschenrechte stammen nicht aus kirchlichen Lehren, sondern aus:

  • Naturrecht,
  • humanistischer Philosophie,
  • empirischer Wissenschaft,
  • den Revolutionen von 1776 und 1789,
  • den Ideen von Locke, Rousseau, Kant und vielen anderen.

Viele Grundrechte – vor allem Religionsfreiheit – mussten gegen kirchliche Macht erkämpft werden. Die katholische Kirche akzeptierte Menschenrechte erst 1965 vollumfänglich. Der Gedanke universaler Freiheit hat seine Wurzeln nicht im Dogma, sondern in säkularen Debatten und sozialen Kämpfen.


4. Menschenwürde: ein philosophisches, nicht exklusiv christliches Konzept

Der moderne Begriff der Menschenwürde beruht auf:

  • dem stoischen Gedanken universeller Gleichheit,
  • dem Renaissance-Humanismus, der die Würde aus Selbstbestimmung ableitet,
  • Kants Ethik der Autonomie.

Die christliche Gottebenbildlichkeit ist nicht dasselbe wie die heutige rechtsstaatliche Definition der Würde. Die moderne Würdekategorie entstand außerhalb theologischer Systeme – und wurde später von kirchlichen Denktraditionen aufgenommen.


5. Wissenschaft, Universitäten und Rationalität – ein Zusammenspiel vieler Kulturen

Universitäten entstanden zwar oft unter kirchlicher Aufsicht, doch ihre Inhalte verdanken sich:

  • der Philosophie Griechenlands,
  • dem römischen Recht,
  • jüdischer Gelehrsamkeit,
  • der islamischen Wissenschaft,
  • den Übersetzungsbewegungen des Mittelalters,
  • und dem humanistischen Bildungsideal.

Der wissenschaftliche Fortschritt setzte sich meist trotz religiöser Kontrolle durch, nicht wegen ihr.


6. Islam und „Linke“ als Gegenspieler westlicher Werte? Eine problematische Konstruktion

Der Originaltext zeichnet den Islam als generellen Feind westlicher Werte – und die politische Linke gleich mit. Beide Zuschreibungen sind grob verzerrt.

Der Islam hat die europäische Wissenschaftsgeschichte wesentlich beeinflusst. Gleichzeitig sind moderne islamische Gesellschaften so vielfältig wie westliche selbst. Pauschale Abwertung dient weniger der Analyse als dem Kulturkampf.

Auch linke Bewegungen waren zentral für die Entwicklung westlicher Werte: Arbeiterrechte, Sozialstaat, Antifaschismus, Gleichberechtigung. Ohne sie wären liberale Demokratien kaum denkbar.


7. Der Westen verschwindet nicht ohne Christentum – sondern ohne Pluralität

Der eigentliche Kern westlicher Zivilisation ist nicht religiöse Homogenität, sondern:

  • die Fähigkeit zur Selbstkritik,
  • die Trennung von Religion und Politik,
  • der Schutz von Grundrechten,
  • die Anerkennung von Vielfalt,
  • wissenschaftliche Rationalität,
  • die Bereitschaft zu Veränderung.

Gerade dort, wo kirchliche Macht zurücktrat, konnten diese Werte wachsen.

Der Westen braucht keine kulturelle Rückkehr zu religiöser Identität. Er braucht eine ehrliche Erinnerung daran, dass seine Stärke immer in der Verbindung vieler Traditionen lag – nicht in deren Reduktion auf eine einzige.


8. Ein Plädoyer für eine offene, pluralistische Selbstvergewisserung

Der Westen ist stark, weil er:

  • aus vielen Quellen schöpft,
  • unterschiedliche Traditionen integriert,
  • Kritik aushält,
  • und jedem Menschen unabhängig von Herkunft, Religion oder Weltanschauung gleiche Rechte zugesteht.

Er war immer dann gefährdet, wenn er versuchte, sich auf eine einzige Identität zurückzuziehen – und immer dann stark, wenn er Pluralität zuließ.

Der Rückgang kirchlicher Bindung ist kein Verlust westlicher Werte.
Er ist eine Chance, sie unabhängig von religiöser Vereinnahmung zu stärken und allen zugänglich zu machen.

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