Der Begriff „Paganismus“ wirkt auf den ersten Blick hilfreich: Er soll die Vielzahl heutiger heidnischer, polytheistischer oder naturbezogener Religionen unter einem Dach beschreiben. Doch eigentlich führt er in die Irre. Er suggeriert eine Einheit, die historisch nie existiert hat und die auch in der Gegenwart nicht besteht.

Bereits in der Antike und im Mittelalter war paganus kein Eigenbegriff, sondern ein Fremdlabel, das von außen vergeben wurde – meist von christlichen Autoren, die alles Nichtchristliche grob in eine Kategorie pressten. Dieser Blick von außen lebt in modernen Sammelbegriffen wie „Paganismus“, „Heidentum“ oder „Paganismus-Bewegung“ weiter. Solche Begriffe fassen jedoch eine enorme Vielfalt an Religionen, Praktiken und Weltbildern zusammen, die weder gemeinsame Gründungsfiguren noch einheitliche Lehren, Schriften oder Institutionen haben.

Unter diesem Dach finden sich unter anderem rekonstruktive polytheistische Religionen (etwa Asatru, keltische Rekonstruktion, hellenischer Polytheismus), moderne naturspirituelle Wege, magisch-esoterische Traditionen, druidische Orden, animistische Strömungen, regionale Volksreligionen und viele individuelle spirituelle Pfade. Diese Wege unterscheiden sich teils stärker voneinander als einzelne christliche Konfessionen untereinander – und lassen sich daher nicht sinnvoll in ein gemeinsames Glaubenssystem zwängen.

Hinzu kommt ein struktureller Unterschied zu großen institutionalisierten Religionen: Viele pagane Traditionen kennen keine zentralen Autoritäten, keine verbindlichen Dogmen und keine übergeordnete Organisation, die definieren könnte, was „Paganismus“ überhaupt ist. Stattdessen entsteht eine lebendige religiöse Landschaft, in der Vielfalt als Stärke und Normalität gilt. Diese Vielfalt wird nicht als „Spaltung“ verstanden, weil es nie einen Zustand „ursprünglicher Einheit“ gab, von dem man sich getrennt hätte.

Gerade deshalb strebt das pagane Umfeld keine ökumenische Einigung nach dem Vorbild christlicher Kirchen an. Eine „Ökumene“ setzt voraus, dass man verschiedene Zweige einer eigentlich einmal einheitlichen Religion wieder zusammenführen möchte. Pagane Traditionen verstehen sich jedoch nicht als Abspaltungen oder konkurrierende Richtungen einer gemeinsamen Wurzel. Sie sind eigenständige Religionen, Kosmologien und Kulturen, die sich historisch unabhängig voneinander entwickelt haben oder neu entstehen.

Sammelbezeichnungen wie „-ismus“ oder „-tum“ erfüllen zwar eine praktische Funktion – etwa in Forschung, Öffentlichkeit oder Selbstbeschreibung gegenüber einem dominanten religiösen Umfeld. Dennoch bündeln sie disparate Welten und erzeugen den falschen Eindruck eines homogenen „Pagantums“. Tatsächlich handelt es sich aber um eine Vielzahl religiöser Wege, die miteinander in Beziehung stehen können, aber nicht müssen, und die ihre Vielfalt bewusst bewahren.

In diesem Sinne bezeichnet „Paganismus“ kein einzelnes religiöses System. Er ist ein pragmatischer Schirmbegriff, der eine bunte, dynamische und autonome Vielfalt umfasst, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie sich nicht vereinheitlichen lässt und auch keine Notwendigkeit sieht, dies zu tun.