Heute erschien im Spiegel ein Beitrag unter der Überschrift:

Verband der Exorzisten kritisiert Halloween als irrationales Fest

Ich zitiere:

„Besorgt zeigten sich die Exorzisten auch über das Feiern von Halloween in Schulen. Halloween auf gesellschaftlicher Ebene mit gefährlicher Oberflächlichkeit zu feiern, anstatt die Werte der Gewaltlosigkeit, des Friedens, der Schönheit und der Harmonie zu fördern, sei ein Zeichen für eine schwerwiegende Verdunkelung des Gewissens.“

Unser Kommentar dazu:

Die Behauptung, die Feier von Halloween sei Ausdruck einer „Verdunkelung des Gewissens“, verkennt sowohl die kulturelle Vielschichtigkeit des Festes als auch grundlegende Prinzipien einer pluralistischen Gesellschaft. Sie offenbart vielmehr eine problematische Engführung religiöser Deutungshoheit über säkulare und kulturell gemischte Phänomene.

Zunächst setzt diese Aussage fehlende Ambiguitätstoleranz voraus – also die Unfähigkeit, Mehrdeutigkeit und kulturelle Vielfalt auszuhalten. Halloween ist, historisch und sozial betrachtet, ein hybrides Fest, das christliche, vorchristliche und moderne Elemente vereint: Es enthält Spuren des keltischen Samhain, der römischen Feste zu Ehren der Toten, und es steht zugleich in Verbindung mit christlichen Gedenktagen wie Allerheiligen und Allerseelen, die ihrerseits aus vorchristlichen Ahnenkulten hervorgegangen sind. Diese kulturelle Durchdringung zu pathologisieren, heißt, die Dynamik religiöser Geschichte selbst zu verkennen.

Hinzu kommt: Die Auseinandersetzung mit Dunkelheit, Vergänglichkeit und Tod schärft das Bewusstsein, anstatt Illusionen zu erzeugen. Indem Halloween auf spielerische Weise mit Angst, Schatten und Sterblichkeit umgeht, ermöglicht es eine symbolische Bewältigung dessen, was verdrängt wird. Kinder und Erwachsene inszenieren das Bedrohliche, um es zu verstehen – nicht, um es zu verherrlichen. Diese Form der kulturellen Verarbeitung ist psychologisch gesund und ethisch wertvoller als das dogmatische Ausblenden von Angst und Tod.

Das zitierte Urteil ist zudem respektlos gegenüber anderen religiösen oder spirituellen Traditionen, die den Tod nicht als Feind, sondern als Teil des Lebens begreifen. In vielen indigenen, paganen oder polytheistischen Religionen – ebenso wie im mexikanischen Día de los Muertos – wird der Tod geehrt, nicht verdammt. Eine pauschale moralische Abwertung solcher Rituale reproduziert kulturellen Chauvinismus und verhindert interreligiösen Dialog.

Zudem fällt auf, dass Argumentationsmuster dieser Art häufig dort auftreten, wo religiöse Institutionen selbst Schwierigkeiten mit der Realität haben. Gerade in der jüngeren Vergangenheit wurde sichtbar, dass das moralische Pathos mancher kirchlicher Akteure oft dazu diente, eigene Schattenzonen zu verdecken – etwa im Umgang mit nachgewiesenem sexuellem Missbrauch, dessen Aufarbeitung vielfach verzögert oder verschleiert wurde. Das Urteil über Halloween zeigt dieselbe Tendenz: den Blick auf reale Probleme durch moralische Entrüstung über symbolische Themen zu ersetzen.

Auch gesellschaftlich ist die Aussage fragwürdig: Eine Einmischung in säkulare Bereiche auf Grundlage einseitig religiöser Moralvorstellungen widerspricht der Trennung von Religion und Staat und gefährdet die kulturelle Freiheit. Halloween ist heute ein säkulares, kulturell offenes Fest, das keine Glaubensbindung voraussetzt – es moralisch zu verurteilen, heißt, säkulares Leben religiös zu bevormunden.

Schließlich verdient der moralische Impuls, das Böse zu „austreiben“, selbst kritische Reflexion. Die Praxis des Exorzismus, die in manchen religiösen Kontexten als Gegenbild zu „dämonischen“ Feiern wie Halloween gilt, ist nachweislich gefährlich: Zahlreiche dokumentierte Todesfälle – etwa in Polen, Italien, Südkorea oder Nigeria – belegen, dass solche Praktiken reale Gewalt hervorbringen, während Halloween selbst vor allem durch Phantasie, Humor und symbolische Verarbeitung auffällt.