1. Überlieferung und Kontext
Die sogenannten Merseburger Zaubersprüche wurden 1841 von Georg Waitz in einer liturgischen Handschrift des 10. Jahrhunderts im Domstift Merseburg entdeckt. Die Handschrift selbst entstand wohl im Umfeld des Klosters Fulda, die Sprüche sind jedoch älteren Ursprungs und dürften aus der mündlichen Tradition stammen. Die Texte gehören zu den wenigen vollständig erhaltenen volkssprachlichen Zeugnissen magisch-religiöser Dichtung im Althochdeutschen.
Der erste Spruch (MZ I) zeigt die für germanische Zauberformeln typische Struktur: eine erzählende Historiola, die eine mythische Situation schildert, und eine abschließende Incantatio, die das gewünschte Ziel unmittelbar beschwört. Auffällig ist die Mischform aus Stabreim und Endreim, die den Text in eine Übergangsphase germanischer Dichtung stellt.
2. Text und Übersetzung
Normalisierte Lesart nach Robert Nedoma:
Eiris sazun idisi, sazun hera duoder;
sumaro hiuft heptidun, sumaro heri lezidun,
sumaro clûbodun umbî cuniowidi;
insprinc haptbandun, inuar uîgandun!
Übersetzung:
„Einst setzten sich Idisen, setzten sich hierhin und dorthin;
einige hefteten Haftbänder, einige hemmten das Heer,
einige banden feste Fesseln:
Entspringe den Haftbändern, entweiche den Kriegern!“
Der Spruch ist damit klar als Lösezauber zu identifizieren, der auf die Befreiung von Gefangenen zielt.
3. Die Idisi – Deutungsprobleme
Zentral für die Interpretation ist der Begriff Idisi.
Sprachlich sind Parallelen zu altnordisch dísir und altenglisch ides („Frau, Edeldame, Göttin“) vorhanden.
Ältere Forschung setzte die Idisi mit Walküren gleich, da beide als Frauenwesen mit Einfluss auf Schlacht und Schicksal verstanden werden. Diese Deutung ist jedoch problematisch, weil Walküren primär den Tod bestimmen, während die Idisi hier Befreiung bringen.
Gerhard Eis schlug stattdessen eine Verbindung zu den rheinischen Matronae-Kulten vor: ehrwürdige „Müttergottheiten“, die Schutz und Hilfe gewährten.
Neuere Forschung (z. B. Beck, Lühr) plädiert dafür, die Idisi vorsichtiger als mythische Frauenwesen eigener Art zu verstehen, deren Funktion im Bereich von Bindung und Lösung liegt, ohne sie strikt mit Walküren oder Matronen zu identifizieren.
4. Moderne Interpretationsansätze
Die aktuelle Forschung betrachtet den Spruch aus unterschiedlichen Perspektiven:
Pragmatisch-funktional
Der Text ist ein praktischer Lösesegen, vermutlich gesprochen zur Befreiung von Kriegsgefangenen. Die Form (Historiola + Beschwörung) entspricht internationalen Mustern magischer Poesie.
Mythologisch
Die Idisi sind Teil eines übernatürlichen Weltbildes. Ihre Eingriffe im Kampfgeschehen lassen sie als weibliche Schicksals- und Schutzgestalten erscheinen, die Macht über Fesselung und Befreiung besitzen.
Symbolisch-psychologisch
In religionswissenschaftlichen Ansätzen wird betont, dass „Fesseln“ metaphorisch für innere oder soziale Bindungen stehen können. Der Zauber wirkt somit auch symbolisch als Akt der Loslösung.
Synkretisch
Da der Spruch in einer christlichen Handschrift überliefert ist, liegt eine Deutung als Zeugnis religiösen Übergangs nahe. Pagan-magische Traditionen wurden von christlichen Schreibern nicht vollständig unterdrückt, sondern teilweise bewahrt und kontextualisiert.
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Der erste Merseburger Zauberspruch ist eines der wichtigsten Zeugnisse germanischer Magie. Seine Form dokumentiert ein funktionales magisches Ritual, das gleichzeitig mythologische und religiöse Vorstellungen transportiert.
Die Idisi sind dabei weder eindeutig Walküren noch Matronen, sondern stehen als eigenständige Kategorie weiblicher Schicksalswesen. Der Text zeigt, wie sich mythische Narrative in ritueller Praxis niederschlugen und wie diese Traditionen in christlich geprägten Handschriften weiterleben konnten.
Literaturverzeichnis
- Beck, Wolfgang: Die Merseburger Zaubersprüche. Untersuchungen zu den althochdeutschen magischen Texten. In: Zeitschrift für deutsches Altertum 95 (1966), S. 321–366.
- Eis, Gerhard: „Idisi = Matronae?“ In: Zeitschrift für deutsches Altertum 68 (1931), S. 81–86.
- Fanger, Claire: „The Merseburg Charms: Pagan Magic and Christian Culture in Medieval Germany“. In: Magic, Ritual, and Witchcraft 1 (2005), S. 6–32.
- Lühr, Rosemarie: „Idisi, Matronae und Walküren“. In: Indogermanische Forschungen 93 (1988), S. 142–165.
- Nedoma, Robert: Die Merseburger Zaubersprüche. Text – Übersetzung – Kommentar. Wien: Fassbaender, 2009.
- Page, R. I.: Germanic Magic. London: Routledge, 1999.
- Simek, Rudolf: Religion und Mythologie der Germanen. Stuttgart: Kröner, 2003.

