Verein für interreligiöse Bildung und Zusammenarbeit

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Ambiguitätstoleranz im Paganismus: Mythen, Rituale und die Kunst, Widersprüche zu feiern

1. Einleitung: Ambiguität als menschliche Grunderfahrung

Ambiguität – also Mehrdeutigkeit, Spannungsfelder und Widersprüche – prägt das menschliche Leben. In interkulturellen und interreligiösen Kontexten ist die Fähigkeit, Ambiguität zu tolerieren, von entscheidender Bedeutung. Sie verhindert, dass Differenzen in Feindschaft umschlagen, und ermöglicht einen offenen Dialog.

Der Paganismus zeigt in besonderer Weise, wie Ambiguität nicht nur ertragen, sondern schöpferisch gelebt werden kann. Er verbindet ambivalente Gottheiten, zyklisches Denken und eine rituelle Praxis, die Wandel und Gegensätze nicht auflöst, sondern integriert.

2. Ambivalente Gottheiten – Spiegel des Lebens

Polytheistische Religionen kennen keine eindimensionalen Götterfiguren. Die Gottheiten sind komplex, voller Spannungen – und gerade darin nah am Menschen.

Odin (nordisch): Der „Allvater“ opfert sein Auge, um Wissen zu erlangen, hängt sich selbst neun Nächte an den Weltenbaum Yggdrasil, um die Runen zu empfangen (Völuspá, Poetische Edda). Er ist ein Suchender und Weiser – zugleich aber auch Kriegsgott und Listenreicher, der Unheil bringt. In ihm verbinden sich Licht und Dunkel.

  • Freya (nordisch): Göttin der Liebe, Schönheit und Fruchtbarkeit, aber ebenso Herrin über die Toten, die nach Walhall zur Hälfte in ihr Reich, Fólkvangr, einziehen. Sanft und tödlich, sinnlich und schrecklich.
  • Persephone (griechisch): Tochter der Demeter, im Mythos geraubt von Hades. Sie wird zur Königin der Unterwelt, kehrt aber jedes Jahr an die Oberfläche zurück. In ihr vereinen sich Frühling und Tod, Blüte und Dunkelheit.
  • Cernunnos (keltisch): Gehörnter Gott, Symbol von Fruchtbarkeit und Wildnis, zugleich Herr der Tiere und Grenzgänger zur Unterwelt.

Diese Mythen zeigen, dass Widersprüche nicht ausgeschlossen, sondern zum Wesen des Göttlichen gehören. Ambiguitätstoleranz bedeutet hier: Die Fülle der Existenz anzunehmen, ohne sie auf eine Dimension zu reduzieren.

3. Zyklisches Denken: Zeit als Kreis, nicht als Linie

In paganen Weltbildern ist Zeit nicht linear und zielgerichtet, sondern zyklisch. Werden und Vergehen, Licht und Dunkel sind Teil eines ewigen Kreislaufs.

Rituale wie das Entzünden von Feuern, das Kreisen um den Maibaum oder das Teilen von Opfergaben zeigen den Menschen als Teil dieser Zyklen. Ambiguitätstoleranz wird hier körperlich erfahrbar: Leben bedeutet immer auch Tod, Aufstieg bedeutet Niedergang, und jeder Beginn trägt das Ende schon in sich.

4. Ambiguität und interkulturelle Offenheit

Polytheismus fördert eine Haltung der Anerkennung. Wo viele Gottheiten nebeneinander existieren, ist es leicht, auch fremde Götter als Teil des Kosmos zu akzeptieren.

Interpretatio Romana: Römer setzten fremde Götter ihren eigenen gleich (z. B. Isis = Demeter, Taranis = Jupiter). Das war nicht Abwertung, sondern Integration – Ausdruck der Überzeugung, dass das Göttliche vielfältig erscheint.

Synkretismus im Mittelmeerraum: Hellenistische Kulte verbanden Elemente griechischer, ägyptischer und orientalischer Religionen, ohne Widerspruch zu empfinden.

Diese Offenheit wurzelt in der Ambiguitätstoleranz des Paganismus: Wahrheit wird nicht exklusiv beansprucht, sondern plural gedacht.

5. Philosophische Reflexion: Ambiguität als Ressource

In philosophischen Begriffen lässt sich sagen: Paganismus praktiziert eine pluralistische Ontologie. Das Göttliche ist nicht „eines“, sondern „viele“. Dadurch entsteht ein Raum, in dem Differenz nicht überwunden werden muss, sondern produktiv bleibt.

Ambiguitätstoleranz bedeutet dann nicht, den Widerspruch „wegzuerklären“, sondern ihn anzuerkennen. In paganer Perspektive ist Wahrheit kein fester Endpunkt, sondern ein offener Prozess – sichtbar in Zyklen, Mythen und Ritualen.

6. Schluss: Feiern statt erdulden

Ambiguitätstoleranz im Paganismus ist keine passive Duldsamkeit, sondern eine aktive Lebenshaltung.

  • Götter verkörpern Spannungen.
  • Rituale inszenieren Gegensätze.
  • Zeit wird zyklisch gedacht, nicht linear.
  • Polytheismus öffnet den Blick für andere Traditionen.

Der Paganismus lehrt: Widersprüche sind nicht Mangel, sondern Quelle von Schönheit, Weisheit und Gemeinschaft. In einer pluralistischen Welt kann diese Haltung ein Modell für interkulturelles und interreligiöses Miteinander sein.

„Wir sind die mit den vielen Göttinnen und Göttern“

Dieser Spruch ziert seit Beginn der interreligiösen Arbeit die Blogseite „Paganes Leben Berlin“ , die zum Arbeitskreis gehört und ebenso einige unserer Banner und Flyer. Entstanden war der Satz auf einem unserer ersten öffentlichen Auftritte. Dialog: „Ihr seid doch Heiden?“ – „ja.“ – „Was machen denn Atheisten auf einem Religionsfest?“ und schwupp war der Satz geboren.

Nichts ist so missverständlich wie das Wort „Heiden“.

Das hat mit seiner Geschichte zu tun und ich gebe mal dazu nur einige Schlaglichter:

Viele denken, der Begriffe komme aus der Bibel und bezeichne entweder gänzlich „Ungläubige“ oder zumindest „Ungetaufte“. Wer in einer deutschen Bibel blättert hat aber z.B. das Problem, dass das gleiche deutsche Wort „Heiden“ sich in den vorchristlichen Teilen auf „alle bezieht, die nicht zum Bundesvolk Israel gehören“ und im christlichen Teil tatsächlich die polytheistischen Römer, Hellenen etc. gemeint sind. Im Frühchristentum gibt es dann den berühmten Streit, ob „Heiden“ denn überhaupt Christen werden könnten, da sie ja zuvor keine Juden waren. Bekannterweise wurde dieser Streit für diese Ansicht entschieden und noch dazu mit Missionierung verknüpft.

In den folgenden Jahrhunderten waren die „Heiden“ immer die Andersgläubigen. Für die Christen waren die Muslime lange „Heiden“. Spricht z.B. der alte Fritz über religiöse Toleranz und verspricht, er würde auch „den Heiden Tempel errichten“ meint er nicht Druiden und Asatru, sondern Muslime. Katholiken und Protestanten beschimpften sich lange Zeit gegenseitig nicht nur als Ketzer, sondern vor allem als „Heiden“. Besonders von protestantischer Seite zog man gern polemische Parallelen zu „Götzenkulten“.

Die Verknüpfung mit „Heide“ = ungetaufter Atheist ist sehr neuzeitlich, aber hat sich verbreitet.

Wo kommt das Wort her?

Es gibt verschiedene Ableitungen. Einmal tatsächlich mittelhochdeutsch „heidano“ als Übersetzung von „paganus“ (wir hatten das Wort weiter oben schon mal). Dann wäre es „zum Landvolk gehörig“. Es gibt aber auch die Ableitung von „heiðinn“ = zur heimischen Kultgemeinde gehörig.

Eher auf letzteres bezieht sich der moderne Begriff Heidentum. Er meint die in der Neuzeit wieder belebten Religionen der vorchristlichen Zeit (nicht nur in Europa). Ob davor ein „Neu-“ oder „Neo-“ gehört ist btw. umstritten und wir von vielen nicht gern gesehen. Es gibt zwar auch da interessante Systematiken, aber zumeist ist das „Neu-“ davor abwertend gemeint im Sinne von „ohne Wurzeln“, „selbst ausgedacht“, „neue Sekte“. Und prompt wird man unter „neue Religionen“ einsortiert.

Heidentum wurde als Begriff längst zurückerobert. Wie nennen wir es dann am liebsten? „Modernes Heidentum“ oder eben differenziert, da es viele Religionen sind: Druiden, Asatru, Wicca etc. Polytheisten sind auch nicht alle, aber viele.

Von daher stimmt dieser Wahlspruch noch immer.

Ach ja, für echte Polytheisten gilt: Alle Göttinnen und Götter existieren. Nicht nur die, die man selbst verehrt.

Wer das nochmal aus allerdings eindeutig christlicher Sichtweise nachlesen will, dem sei der EZW-Artikel zu Heidentum empfohlen:

https://www.ezw-berlin.de/publikationen/lexikon/heidentum

Wer wir sind

„Sagt dem Kaiser, dass mein Tempel zu Boden gefallen ist. Phoibos gibt es hier nicht mehr. Weder sein Zuhause noch das Wohnhaus seines Orakel noch das Aufkommen seiner vielen Prophezeiungen, denn das heilige Wasser ist verfallen.

Doch werden inmitten der dunklen Zeiten neue Zeiten kommen, in denen die Menschen die Rituale der Erde erheben und Feuer und Weihrauch wieder brennen. Dann werden die Götter zurückkehren, um ihr Zuhause unter euch zu errichten.“

Letzte Prophezeiung von 362 vom Orakel von Delphi an Kaiser Julien, berichtet von Oribasius.

Pantheon e.V. steht für die Wiederentdeckung und zeitgemäße Vermittlung heidnischer, polytheistischer und naturspiritueller Perspektiven.

Wir verstehen Heidentum als eine lebendige, vielstimmige Spiritualität, die die Welt in ihrer göttlichen Vielfalt anerkennt und achtet – ein Wissen, das inspiriert, verbindet und Horizonte öffnet.

Unser Ziel ist es, das reiche kulturelle und theologische Erbe polytheistischer Traditionen in Bildung, Forschung, Kunst und den interreligiösen Austausch einzubringen.

Denn wo viele Göttinnen und Götter, viele Kräfte und Sichtweisen Platz haben, entsteht Raum für echte Begegnung und gemeinsames Lernen.

Pantheon e.V. will mit Projekten, Vorträgen und Kooperationen Brücken schlagen – zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen alten Wegen und neuen Ideen, zwischen Menschen und Natur.

Wir setzen uns für ein spirituelles Miteinander ein, das Vielfalt nicht nur toleriert oder respektiert – sondern feiert und das Bewusstsein für das Heilige in all seinen Formen lebendig hält.

Der Arbeitskreis „Pagane Wege und Gemeinschaften“ gehört zum Verein und ist in Berlin im interreligiösen Netzwerk tätig. Der Vorstand von Pantheon ist im Koordinierungskreis des Berliner Forums der Religionen vertreten und im Initiativkreis der Langen Nacht der Religionen (seit 2015).

Wir sind keine Religionsgemeinschaft, sondern eine Plattform für Religionsgemeinschaften des „pagan umbrella“, der die Vernetzung erleichtert und organisatorische Aufgaben z.B. für Veranstaltungen übernimmt, wo gemeinsames Handeln nötig ist.

Unsere Aufgabe ist klar:
Jeder Kreis, den wir ziehen,
jede Flamme, die wir entzünden,
jede Stimme, die wir erheben,
ist ein neuer Stein im Tempel der Götter.

Die Göttinnen und Götter waren nie untergegangen.
Sie kehren zurück, weil wir sie rufen.
Weil sie uns rufen.
In uns, mit uns, unter uns.

So erstehen die Tempel wieder,
in unseren Herzen und in dieser Welt.



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