Rede auf der Fachtagung zu DialogPlus: WISSENSCHAFFTWIRKUNG
„Perspektiven für starke Religionsgemeinschaften“
18. November 2025, 15.30 Uhr
Liebe Anwesende,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung und den verschiedensten Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften,
wenn wir heute über religiöse Vielfalt in Berlin sprechen, sehen wir eine Stadt, die bunter ist als je zuvor.
Doch wir sehen auch, dass die Zusammenarbeit zwischen Politik, Verwaltung und religiösen Gemeinschaften nicht immer so gelingt, wie sie könnte. Ein zentraler Grund dafür sind Narrative – Erzählmuster, die oft unbemerkt unsere Wahrnehmung und Entscheidungen beeinflussen.
Diese Narrative sind nicht unbedingt böswillig.
Sie entstehen aus Zeitdruck, aus Gewohnheit oder aus fehlendem Wissen über die enorme Differenzierung zwischen und innerhalb religiöser Traditionen.
Und trotzdem können sie sehr reale Folgen haben – für Förderentscheidungen, für Anerkennungsprozesse, für Teilhabechancen.
Ich möchte heute drei Dinge tun:
- zeigen, was uns aktuell in der Zusammenarbeit fehlt,
- benennen, was wir konkret brauchen,
- und erklären, wie wir Narrative mit einer klaren Checkliste besser erkennen und neutralisieren können.
1. Was uns aktuell in der Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung fehlt
1.1. Differenzierung statt Schubladen
Viele religiöse Gruppen erleben, dass sie zunächst als Teil eines Narrativs wahrgenommen werden:
- Muslime als Sicherheitsrisiko.
- Pagane als „nicht richtige Religion“ oder pauschal „Verdächtig rechts“
- – Religiöse Gruppen allgemein als potenzielle Konfliktquelle.
Das verzerrt Gespräche schon, bevor sie beginnen.
1.2. Transparente, nachvollziehbare Maßstäbe
Oft ist unklar, wie Förderentscheidungen zustande kommen oder nach welchen Kriterien eine Gruppe als relevant oder kooperationsfähig gilt.
1.3. Klare und verlässliche Zuständigkeiten
Wer ist ansprechbar – und wirklich zuständig? Diese Frage klärt sich in Berlin häufig erst nach mehreren Weiterleitungen.
1.4. Fachwissen über religiöse Vielfalt
Die meisten Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter sind hoch engagiert, aber ihnen fehlt oft strukturelle Unterstützung: Überblick über kleinere Religionen, interne Vielfalt, rechtliche Besonderheiten, historische Zusammenhänge.
2. Was wir konkret brauchen, um wirkungsvoller arbeiten zu können
2.1. Stabilere Ansprechstellen
Ein Büro oder Kompetenzzentrum, das religiöse Vielfalt wirklich kennt und jede Gruppe ernst nimmt, unabhängig von Größe oder Bekanntheitsgrad. In der Hand des Landes.
2.2. Verlässliche Kriterien für Förderung und Kooperation
Entscheidungen müssen prüfbar und nachvollziehbar sein – und für alle Religionen in gleicher Weise gelten.
2.3. Einbindung in Prozesse statt punktueller Konsultation
Kleine Gemeinschaften dürfen nicht nur „angehört“, sondern sollten als Partner eingebunden werden. Sie sind auch keine bunte Dekoration am Rand.
2.4. Schulungsangebote für Verwaltung und Politik
Kurze, praxisorientierte Formate reichen oft schon, um Narrative zu entlarven und differenziertes Wissen aufzubauen.
3. Ein Beispiel aus der Praxis
Eine kleine heidnische Gemeinschaft bewirbt sich für eine interreligiöse Veranstaltung in Berlin. Die erste Rückmeldung:
„Wir fördern nur anerkannte Religionsgemeinschaften.“
Im späteren Gespräch stellt sich heraus:
Es gibt gar keine solche Regel. Es handelte sich um ein erzählerisches Muster – ein unbewusstes Narrativ, das aus der Vorstellung entstanden ist, nur die großen Religionen seien „richtig“, während kleinere eher kulturelle Vereine seien oder gar suspekt.
Rechtlich gibt es in Deutschland keine „Anerkennung“, es gibt Körperschaften, die Voraussetzungen haben kleinere Religionsgemeinschaften nicht und sind oft nur Vereine.
Nach mehreren Gesprächen wird der Antrag schließlich bewilligt – aber nur, weil einzelne Mitarbeitende sich intensiv gekümmert haben.
Dieses Beispiel zeigt, wie stark Narrative Entscheidungen prägen – und wie viel Engagement nötig ist, um sie zu korrigieren.
4. Die Narrative-Checkliste – ein Werkzeug, das sofort hilft
- Faktenbasis prüfen:
Stimmt die Annahme – oder ist sie nur oft gehört worden? - Quellenlage klären:
Kommt das Wissen aus direkten Kontakten?
Oder aus Medienberichten, Hörensagen, eigenen Vorurteilen? - Pauschalisierungen erkennen:
Wird eine große Gruppe für das Verhalten einzelner verantwortlich gemacht? Behandeln wir da alle gleich? - Komplexität zulassen:
Gibt es interne Vielfalt, Strömungen, Differenzen?
Wird sie berücksichtigt? - Selbstreflexion:
Welche eigene Erfahrung oder Prägung beeinflusst meine Wahrnehmung? - Vergleichstest:
Würde ich dieselben Maßstäbe auch auf Mehrheitsreligionen und Kirchen anwenden? - Wirkungsanalyse:
Welche Wirkung hätte ein unreflektiertes Narrativ – z. B. bei Förderungen, Räumen, Kooperationen? - Betroffene einbeziehen:
Wurden Vertreter*innen der betroffenen Gemeinschaft einbezogen oder nur über sie gesprochen?
Diese Checkliste ist kein akademisches Konstrukt – sie spart Zeit, verhindert Missverständnisse und erhöht die Fairness administrativer Entscheidungen erheblich.
5. Wie lässt sich die Zusammenarbeit in Berlin verbessern?
5.1. Aufbau eines Kompetenzzentrums für religiöse Vielfalt
Ein Ort, der Wissen bündelt, Ansprechpartner*innen ausbildet und Verwaltung, Politik und Gemeinschaften gleichermaßen unterstützt.
Wissenschaftlich fundiert, nicht auf religiös einseitige Sektenbeauftragte zurückgreifend.
5.2. Klare Dialogstrukturen
Regelmäßige Austauschformate, verbindliche Arbeitskreise und transparent dokumentierte Ergebnisse. Darin sind echte demokratische Prozesse nötig, was Minderheitenschutz beinhaltet.
5.3. Gleichbehandlung aller Religionen
Nicht Größe, Bekanntheit oder Tradition, sondern Tatsachen und gesellschaftliche Beiträge sollten zählen. Gezielte Förderung kleinerer Gemeinschaften, da diese eben keine eigenen Reserven haben.
5.4. Gemeinsame Projekte fördern
Wenn religiöse Gemeinschaften gemeinsam Veranstaltungen, Bildungsarbeit oder soziale Projekte umsetzen, entsteht Vertrauen – auch jenseits der bekannten großen Akteure. Das muss aber begleitet werden, um zu vermeiden, dass wieder ein Gefälle gegen kleinere entsteht.
5.5. Narrative-Checks als Standard in Entscheidungsprozessen
Ein kurzer Blick auf die Checkliste verhindert, dass alte Bilder neue Ungerechtigkeiten erzeugen.
Zum Schluss
Wenn wir Narrative erkennen und kritisch prüfen, gewinnen wir Klarheit.
Wenn wir Strukturen schaffen, die alle Religionen gleichermaßen ernst nehmen, gewinnen wir Gerechtigkeit.
Und wenn wir Zusammenarbeit nicht dem Zufall überlassen, sondern aktiv gestalten, gewinnt Berlin.
Gewinnt Berlin, gewinnen wir alle.
Die religiöse Vielfalt dieser Stadt ist kein Problem, das man verwalten muss – sie ist ein Potential, das man entfalten kann. Aber das gelingt nur, wenn wir bereit sind, Narrative zu hinterfragen und Strukturen zu stärken.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

